Daimon Verlag

Der kommende Atem
von
Satprem

Leseprobe

V. Die Freie Materie

Die vedischen Rishis

T: Wie äußert sich Indiens traditionelle Spiritualität im Buddhismus und Hinduismus heute?

Es ist überall das gleiche. Man meditiert, zieht sich von Äußerlichkeiten oder konkreter Tätigkeit zurück im Versuch, eine andere Bewußtseinstiefe zu erreichen, und damit hat sich's. Es ist seit einigen Jahrtausenden dieselbe alte Geschichte.
Und was resultiert daraus?
Wo bleibt Indien heute mit seiner spirituellen Macht? Es ist eines der korruptesten Länder der Welt. Anstatt die Wahrheit zu verkörpern , wie es damals die Rishis lebten, anstatt die Wahrheit in den Körper hineinzuziehen, zog man sich in angenehme kleine Meditationen zurück. Das Leben wurde mehr oder weniger seinem Durcheinander überlassen, was zur Folge hatte, daß die Interessen und die Mechanismen die indische Materie, die die Inder so vernachlässigt hatten, in Besitz nahmen. Und jetzt muß man hier die mächtige Wahrheit wiederfinden -- hinter dieser Kruste der Lüge.

T: Kann man sagen, daß die Quelle, von der Sri Aurobindo, Mutter oder Sie schöpfen, der Lehre der Veden, der Rishis sehr nahe steht?

Ah! die Rishis sind vielleicht die einzigen, die mit diesem Bewußtsein gelebt hatten, oder jedenfalls die einzigen, die uns bekannt sind.
Sie besaßen das Wissen über die Wahrheit in der Tiefe der Materie, über das "Das": sie nannten es "Die Sonne in der Finsternis."
Das Atom ist eine Sonne, die von einer großen Finsternis verdeckt wird. Die Rishis wußten das.
Wäre aber das ganze Geheimnis von den Rishis vor fünf-, sechs-, siebentausend Jahren entdeckt und wirklich verkörpert worden, dann hätte die Evolution, unsere menschliche Evolution nicht stattgefunden! Das Geheimnis durfte nicht von nur einigen wenigen Rishis auf ihren Gipfeln entdeckt werden. Die gesamte Menschheit muß es entdecken -- muß dorthin gelangen.
Ich wiederhole: die Evolution ist keine Angelegenheit einiger weniger Privilegierter. Aber es gibt Vorboten: die Rishis waren solche.
Am Anfang einer Erfahrung, einer Zivilisation oder eines Zyklus gibt es immer welche, die ein neues Zeitalter verkünden, das sie in seiner Ganzheit überblicken, seinen Verlauf erkennen und sagen: "So wird es sein, darauf bewegt es sich zu." Der Weg muß dann aber von allen zurückgelegt werden, damit er nicht die Angelegenheit einer kleinen Person bleibt, sondern einer ganzen Spezies zu eigen wird.
Früher erging dieser Aufruf an eine privilegierte Zivilisation; heute richtet er sich nicht einmal mehr an eine einzelne Völkergruppe: denn es gibt nur noch einen einzigen menschlichen Verbund, der die Erfahrung vollziehen muß.

T: Waren die Rishis nicht die vedischen Priester, die vor Buddha lebten? ...

Ja. Die Rishis waren vor allem Krieger. Sie lebten vor ungefähr siebentausend Jahren, und auch das weiß man nicht genau. Sie lebten in einer Zeit lange vor dem Buddhismus, der aus dem fünften Jahrhundert vor Christus datiert. Auch die Upanishaden, die bereits eine ziemliche Entstellung der Veden sind, folgten erst später: man betrat damals bereits den Zyklus des Intellekts.
Die Veden enthalten das Geheimnis. Sie stammeln es, sie drücken es in einer bildhaften Sprache aus.

Es ist kaum abzuschätzen, welch phantastische Revolution Mutters und Sri Aurobindos Entdeckung bedeutet.
In unserer Welt wurde alles entwertet, alles derart aufgeblasen -- allen möglichen Kleinigkeiten gab man gigantische Proportionen --, daß nichts mehr eine Bedeutung zu haben scheint. Unsere mentale Welt stellt die ungeheuerlichste Entwertung dar.
Aber Mutters und Sri Aurobindos Entdeckung ist wirklich revolutionär. Es hat seit dem ersten Aufkommen lebender Materie nichts Wichtigeres gegeben. Ihre Entdeckung bedeutet eine Veränderung des Gesetzes der ersten lebenden Materie.
Ich weiß nicht, ob man wirklich ermessen kann, was das bedeutet ... Deshalb möchte ich gerne noch einmal auf den Vorgang des Hinabstiegs in den Körper zurückkommen.
Ich wünschte mir, daß die Menschen wirklich das praktische Geheimnis erfassen, das "Können", während die ganze Biologie uns sagt: "Man kann nicht."
Die Biologen sagen uns: "Die spezifische Verbindung der Aminosäuren bestimmt für alle Zeiten, ob wir Menschen, eine Maus oder eine Giraffe sein werden. In einer bestimmten Verbindung wird es unweigerlich Mäuse geben; in einer geringfügig anderen Verbindung werden unweigerlich Menschenproteine oder Giraffenproteine erzeugt." Da gibt es keine Ausnahmen -- außer durch Zufall, durch irgendeine Strahlung, die dann Monster ergibt.
Aber vielleicht hat wirklich ein Mensch den "Durchgang", wie die vedischen Rishis es nannten, gefunden, durch den man über dieses unabdingbar scheinende Gesetz hinausgelangt -- und zwar nicht in ein Nirvana, sondern zu einer Materie, die ist, ... was sie wirklich ist. Wir wissen noch nicht, was diese Materie ist.
Ja, wenn man die menschliche Denkweise seit dem, was wir über ihre Anfänge wissen, betrachtet, so erkennen wir eine ungeheure Herabsetzung, ja "Zersetzung" einer ursprünglichen Wahrheit oder Entdeckung, die die vedischen Rishis gefunden hatten -- vielleicht gab es vor ihnen sogar noch andere, von denen wir nichts wissen.
Wenn man einige Schriften aus der Rig-Veda anhört, die die ältesten der Menschheit bekannten sind, erkennt man, daß diese Leute wirklich ein Geheimnis besaßen, ein Geheimnis in der Materie.
Ich zitiere hier einige dieser Texte, die voller Licht sind:
"Unsterblich in den Sterblichen ist er die Energie, die unsere göttlichen Kräfte hervorbringt." Und: "Laßt uns hier siegen, schlagen wir die Schlacht der hundert Köpfe." Und in der Atharva-Veda heißt es: "Ich bin ein Sohn der Erde, der Boden ist meine Mutter." Und: "O Erde, könnte ich nur Deine Schönheit aussprechen, die Schönheit Deiner Dörfer, Deiner Wälder, Deiner Heere und Schlachten."
Das waren keine kleinen Meditierenden, die so sprachen.
Und dann sagen sie noch viel Außerordentlicheres, wenn wir verstehen, daß in ihrer Bildsprache der Fels, das heißt der Berg, der Stein, das Symbol der Materie, des ursprünglichen irdischen Gebildes ist.
Sie sagten: "Mit ihrem Mantra ..." (das Mantra ist die Schwingung des Lautes, die Schwingung des Bewußtseins) " ... mit ihrem Mantra brachen unsere Väter die befestigten und unzugänglichen Plätze auf; mit ihrem Schrei zerschmetterten sie den Fels des Berges. Sie öffneten in uns einen Weg zu dem großen Himmel ..." (in uns, das heißt in der Materie -- nicht hoch auf den Gipfeln der Meditation: in der Materie). "Sie entdeckten die Sonne, die in der Finsternis weilt ... Sie fanden den Schatz des Himmels versteckt in der geheimen Grotte, wie das Junge des Vogels. Diesen Schatz im unendlichen Fels."
Und weiter: "Der Berg ..." (das ist immer die Materie, das Symbol der Materie), "der schwangere Berg brach entzwei und gab die höchste Geburt. Da erwachten sie wahrlich und sahen völlig ..." (das heißt mit allen Augen des Körpers), "sie sahen völlig: hinter sich, um sich und überall, sie erlebten wahrlich dieselbe Ekstase, deren man sich im Himmel erfreut." Und schließlich: "Sie entdeckten den Honigbrunnen, verdeckt vom Fels."
Dieses Wissen hat überhaupt nichts mit den Upanishaden oder allem, was Indiens Tradition hervorgebracht hat, zu tun, denn die Upanishaden -- die vielleicht zweitausend Jahre später kamen und zur Grundlage und zum Evangelium von ganz Indien geworden sind --, sagen uns: "Verlasse diese Welt der Illusion" ... "Brahman ist wahr, die Welt ist Lüge." So lautet die Niralamba Upanishade.
Man sieht hier den Fall, die Entwertung, wenn ich so sagen darf. Anstatt die "Schlacht der hundert Köpfe" zu suchen, wie es die Rishis verkündeten, schloß man die Augen, kreuzte die Beine und wartete auf die Erlösung im Himmel. Ich weiß nicht im Einzelnen, was die anderen Mystiker bezeugen, aber die meisten verfolgten diesen Weg nach oben, höher, höher, höher, bis zum Verschwinden. Das Paradies ist "jenseits" und es ist nach dem Tod und die ganze alte Geschichte ... wirklich die ganze Entwertung und der Verlust des Geheimnisses des Menschen.
Nun, das ist, was Sri Aurobindo und Mutter wiederentdeckten.
Und deshalb sage ich, daß es seit dem Erscheinen einer ersten lebenden Materie auf der Erde keine phantastischere Entdeckung gegeben hat. Denn dadurch wird das eigentliche Gesetz dieser ersten lebenden Materie verändert , was
heißt, daß alle unsere biologischen Annahmen vor dieser Entdeckung zusammenbrechen.

*

Das Mental der Zellen

Mir liegt viel daran zu versuchen, in zugänglicher Sprache zu sagen, wie das möglich ist.
Die phantastische Entdeckung machte zuerst Sri Aurobindo und später Mutter, denn sie setzte seinen Weg fort und stieß auf dasselbe wie er.
Sie entdeckten etwas, das sie ein "Mental der Zellen" nannten.
Dieser Vorgang könnte wie folgt beschrieben werden:
Wir leben alle sehr weit von unserem Körper entfernt, in einem Teil unseres Wesens, den wir fürchterlich überkultiviert haben, und das ist unser intellektuelles Mental. Man kann nichts tun, ohne daß es sofort von einem Gedanken "erfaßt" und in eine kleine Schublade eingeordnet wird. Dies ist wirklich die erste der erwähnten Schichten, die uns einschließen -- die uns die Wirklichkeit der Materie verhüllen.
Was wissen die Biologen? Sie schauen durch ihr Mikroskop, aber was sagt ihnen das Mikroskop? Bedeutet es, daß sie die Zelle "erleben"? -- Sie stellen Klassifikationen auf, geben eine Beschreibung, aber womit? Was schaut durch das Mikroskop? -- Ihr Kopf schaut durch's Mikroskop und gibt uns eine Abbildung oder Projektion seines eigenen Mentals in der Zelle.
Zuerst muß nun dieses intellektuelle Mental zum Schweigen gebracht werden.
Dann stößt man auf eine zweite mentale Schicht, das Mental der Gefühle: alle Leidenschaften, Emotionen bilden eine weitere sehr beträchtliche Hülle. Es geht noch tiefer, denn mit jeder Schicht, die sich klärt, wird automatisch die nächsttiefere Schicht aufgedeckt. In unserem gewohnten Bewußtsein besteht all das in einer Art verworrenem Magma ohne Trennungen: die Gefühle nehmen sich intellektuell an, die Intelligenz dient zur Verkleidung aller möglicher Begierden. Das ganze ist ein Magma ohne Unterscheidungen. Man sagt: der "Gedanke" oder die "Gefühle", aber eigentlich besteht nichts in Reinform -- es ist ein riesiges Durcheinander.
Aber es gibt auch ein "reines" affektives Mental, auf das man trifft, wenn die intellektuelle Schicht durchdrungen wurde: alle Gefühle und Emotionen verschleiern und färben unsere Wahrnehmung des Körpers. All unsere Stimmungen verfärben ständig die Wirklichkeit dessen, was wir sein können.
Auch diese Schicht kann durchdrungen werden, indem man diese Gefühle zum Schweigen bringt, die Emotionen neutralisiert oder "klärt". Das ist wirklich, wie die Rishis sagten, eine "Schlacht der hundert Köpfe", denn kaum hat man einen abgeschlagen, wächst ein anderer nach.
Wenn die Schicht des emotiven Mentals sich beruhigt hat, trifft man auf das Mental der Empfindungen. Auch das kleidet sich in eine Sprache: es ist eine infinitesimale Schwingung. Man findet dort all die gewohnten Empfindungen, die die Substanz unseres Wesens bilden.
Am Grund dieser Empfindungen erreicht man schließlich das, was Sri Aurobindo und Mutter "das physische Mental" nannten.
Das ist wirklich so etwas wie das ursprüngliche Mental der Materie. Das heißt, eine Art unerbittliches Gedächtnis, das, sobald es eine Gewohnheit angenommen hat, sie fortwährend wiederholt. Wenn es sich an etwas gestoßen hat, erinnert es sich noch fünfzig Jahre später daran. Wenn man ihm sagt: "Oh! dies wird eine Krankheit, die drei Monate oder sechs Monate andauern wird", ist es, als bekäme die Zelle augenblicklich eine Prägung, sodaß man drei oder sechs Monate krank bleiben muß . Man muß. Und wenn man ihr sagt: "Wenn du dieses Medikament nimmst, wirst du gesund werden", dann sagt die Zelle sehr gehorsam: "Ah! Gut, ich werde dieses Medikament nehmen und gesund werden." Es ist eine Art Hypnose.
Dort berührten Mutter und Sri Aurobindo das Geheimnis. Denn diese ursprüngliche Materie -- der Zellen -- hat einen guten Willen, wie Mutter sagte: einen idiotischen guten Willen. Da gibt es keine "Gesetze": nur eine Hypnose und eine Angst.
Alles was man dieser Ur-Zelle einprägt, wird sie mit einem unermüdlichen guten Willen wiederholen.
Es ist einleuchtend, daß ihre ersten Einprägungen die Angst und die Aggression sind. Sie war von einer verschlingenden Welt umgeben, von einem wimmelnden, bedrohlichen Leben: für die ursprüngliche lebende Materie war das Leben eine enorme Erschütterung. Sie wurde in einen Kataklysmus geboren und sie lebte in Angst und zugleich mit der Sehnsucht in ihrer Tiefe, daß diese Bedrohung und dieser Schmerz aufhören mögen. Das ist ein Ruf des Todes in der Tiefe.

T: Und so entsteht das Goldfischglas.

Ja, so entsteht das Goldfischglas.
Eine Reihe von Goldfischgläsern, wenn ich so sagen darf. Das Geißeltierchen nahm seine Gewohnheit des Geißeltierchens an, der Fisch nahm seine kleine Gewohnheit des Fisch-Seins an, weil er sich in einem entsprechenden Milieu befand, und auch der Vogel nahm seine Vogel-Gewohnheit an, weil er sich in jenem anderen Milieu befand. Jede Spezies hat eine bestimmte Gewohnheit übernommen, sich zu eigen gemacht.
Jetzt sagen uns die Biologen: "Wegen dieser oder jener Anordnung der Aminosäuren geschieht das so und so."
Aber das ist nicht wahr.
Die phantastische Entdeckung ist, daß es keine physischen "Gesetze" gibt. Es gibt nur physische Gewohnheiten, die durch ein spezifisches Milieu bestimmt wurden.
Diese Gewohnheiten, diesen idiotischen guten Willen kann man lenken, wie man will. Aber mit dem Kopf können wir die Gewohnheiten der Materie offensichtlich nicht verändern -- um die Materie zu verändern, muß sie berührt werden! Wir besitzen nie die Mittel, sie zu berühren. Wir berühren immer nur unseren Kopf, unsere Gefühle, unsere Leidenschaften und Gewohnheiten.
Erst müssen all diese Schichten durchdrungen werden, um die Zelle wirklich zu berühren. Und dann kann man der Zelle einprägen, was man will.
Wenn zum Beispiel bei irgendeiner Kleinigkeit die Zelle in Panik gerät und anfängt, Schichten über Schichten von Haut zu bilden, entsteht ein Tumor.
Einzig eine Gewohnheit.
Wenn man aber die Schicht des physischen Mentals mit all seinen Befürchtungen und Ängsten und all den kleinen, ständig wiederholten Gewohnheiten und all die "Oh! das bedeutet Krebs", "Oh! das bedeutet Tod" durchdringen oder durchqueren kann, wird das erkenntlich, was Mutter und Sri Aurobindo das "Mental der Zellen" nannten. Das heißt, ein Bewußtsein der Zelle, das einer anderen Art des Reagierens gehorchen kann.

T: Einem anderen Programm?

Ja. Anstatt einem katastrophalen und tödlichen Programm kann dieses Mental der Zellen einer sonnigen Schwingung gehorchen, einer Schwingung der Freude, einer Schwingung der Liebe.
Anstelle des Todes kann sich die Zelle etwas anderes zu eigen machen -- nicht durch irgendwelche außerordentlichen Wunder, sondern einfach durch die Befreiung von all den Schichten, die sie einhüllen. Es gibt keine "Gesetze"! Es gibt keinen "Tod"! Wir wollen das Gesetz, den Tod. Aber die Zelle selbst will gar nichts. Sie will, was immer wir wollen!
Wenn es gelingt, die "Verständigung" mit der Zelle herzustellen, erlangen wir eine unvorstellbare Freiheit. Anstatt einer katastrophalen Gewohnheit gibt man ihr die Gewohnheit der Freude, des Raumes, der Weite.
Das nannten Mutter und Sri Aurobindo das "Mental der Zellen". Es ist dem Mental eines Kindes vergleichbar. Man kann ihm ein völlig anderes Leben einflößen, eine ganz andere Lebensart.
Das mag sich über lange Evolutionsperioden erstrecken, aber von dem Moment an, wo dieser zentrale Wille der Zellen etwas anderem offensteht, kann der Mensch sich neu gestalten ... wie er will.

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