Daimon Verlag

Frauen und Initiation
von
Bani Shorter

Leseprobe

1. Vom Wesen des Befundes

... dem Leser obliegt es,
die schicksalweisende Bestimmung zu erkennen,
welche die Ereignisse in diesem Werk
in der gegebenen Reihenfolge
und mit den beschriebenen Ergebnissen anordnete.
Dennoch rechtfertigt gerade die Bestimmung
diese Ereignisse und Ergebnisse
und gibt ihnen einen Sinn.

Dumézil, Die Bestimmung eines Königs

Wir fangen an mit fünf Frauen.

Die erste war siebenundvierzig Jahre alt, hager, dünn und verhärmt. Sie trug grobe Hosen und Jacken; ihr Körper zeigte kaum eine Spur weiblicher Formen. Sie war verwirrt und oft verstört. Manchmal fiel es ihr schwer, den Weg zu meinem Sprechzimmer zu finden. Gelegentlich sagten mir Nachbarn: "Dieser junge Mann, der zu Ihnen kommt, muß zur falschen Zeit dagewesen sein. Ich sah ihn heute Nachmittag draußen stehen"; oder: "Sie waren nicht da. Er läutete mehrmals und ging dann mit finsterer Miene fort."

Ich bin Jung'sche Analytikerin. Jen und ich arbeiten jetzt schon seit vielen Jahren miteinander. Zu Beginn ihrer Analyse trafen wir uns längere Zeit zwei- oder dreimal wöchentlich, später dann so oft ihre Mittel es ihr erlaubten. Anfangs war sie ausgeprägt hysterisch, mit einem zwanghaft unbewußten Hang, neue Erfahrungen in physische Symptome umzuwandeln, statt sie anzunehmen und zu verarbeiten. So war sie oft krank, fehlte bei ihrer Arbeit und kam nicht in die Analyse.

Sie wurde ohnehin als Sonderling betrachtet, als zweitklassig, unzuverlässig und nur für begrenzte, niedere Arbeiten geeignet. Jen war eine Außenseiterin, von den meisten ihrer Gleichaltrigen entfremdet, eine komische Person, über die andere sich oft lustig machten. Als sie eine Freundin in mir fand, jemanden, der ihr zuhörte und Aufmerksamkeit schenkte, klammerte sie sich leidenschaftlich und kontrollierend an unsere Beziehung. Wir lebten aber nicht in derselben Stadt, nicht einmal im selben Land. So mußte sie manchmal für eine Zeit verreisen, bis sie zurückkommen und mich besuchen konnte.

Es gäbe viele Möglichkeiten, zu beschreiben oder zu diagnostizieren, was Jen fehlte oder mit ihr fehlgegangen war. Sie bot ein ganzes Verzeichnis von Symptomen und einen Index voller verknüpfter Ursachen. Es ließe sich aber auch sagen, daß sie an einer lebenslangen chronischen Depression litt, zurückführbar auf ihre Unfähigkeit, sich als ein Mädchen mit der Möglichkeit des Heranreifens zum Geist und Körper einer Frau wahrzunehmen. Sexuell, jedoch nicht geschlechtlich, war die Zeit für sie an einem unbestimmten und undefinierten Punkt stehengeblieben. Sie kam zu mir, weil ihr psychischer Zustand untragbar, unerklärlich und unangenehm war. Sie hätte aber nicht sagen können, wie und an was sie zu leiden glaubte. In der Dunkelheit kaum geformter Bilder tasteten wir uns an eine unentdeckte und für sie unerkennbare Person heran.

Ihre Eltern hatten sie ohne Zweifel abgelehnt; mein Anliegen hier ist aber nicht, ihre ganze Geschichte oder einen ausführlichen Krankheitsverlauf zu geben. Und obwohl das, worüber ich hier berichten will, für Jen Teil eines weiterführenden und befriedigenderen Lebens wurde, geben diese Geschehnisse keinen Beweis für die Überlegenheit einer analytischen Schule über eine andere, genauso wenig wie sie von besonderem Können meinerseits zeugen. Vielmehr möchte ich etwas von dem berichten, was zwischen uns vorging, denn es sagte mir etwas und bereicherte meine Erkenntnis darüber, was es heißt, Frau zu sein: eine Person, Patientin, Therapeutin. Jen und ich haben voneinander gelernt.

Obwohl es oft als Methode bezeichnet wird, bedeutet "klinisch" eine bestimmte Anschauungsweise oder Perspektive von etwas, das als morbide oder pathologisch angesehen werden kann. Vielleicht ist das unvermeidlich, denn ein Arzt oder Therapeut wird seine Arbeit und die einzelnen Fälle im Lichte dessen betrachten und behandeln, was er für fehlgegangen hält. In einer Tradition, die der Medizin entstammt, war das erste Modell für die Analyse natürlich das der Diagnose und Heilung. Jungs Erkenntnis, daß psychische Krankheiten die gesamte Person miteinbeziehen, führte jedoch zur Notwendigkeit eines anderen klinischen Ansatzes. Die Anwendung und weitere Klärung dieser Perspektive und Methode war Gegenstand anhaltenden Interesses späterer Generationen von Tiefenpsychologen und Analytikern, mich selber inbegriffen.

Ob für die heutige Norm annehmbar oder nicht, Jung betrachtete sich als Wissenschaftler und bekräftigte die Glaubwürdigkeit seiner Untersuchungen. Dies führte manche seiner Anhänger dazu, in ihrer Arbeit und deren Deutung eine strukturiertere Methode anzunehmen und auf der Basis von Hypothese und Verifikation von Konzepten vorzugehen. Andere wählten einen breiter gefächerten, weniger streng geplanten Ansatz und ließen sich und ihre Patienten in größerem Maße von der kompensatorischen Symbolik des Unbewußten selbst leiten. Beide Gruppen gingen jedoch damals wie jetzt klinisch vor, das heißt in Beziehung zu dem in der Persönlichkeit, was falsch, unausgeglichen, morbide oder pathologisch ist, und beide Ansätze erfordern scharfe Beobachtung, Anwendung, Zusammenfassung und Bezug auf einen theoretischen Rahmen.

Meine Anschauung ist, daß wir an der Grenzlinie neurotischer und psychotischer Störungen mit nicht weniger als der gesamten Persönlichkeit zu tun haben. Unvermeidlich werden wir mit dem konfrontiert, was falsch ist, aber gleichzeitig müssen wir erwägen, in welcher Beziehung dieser pathologische Befund mit dem gesunden Individuum und dem Ziel seiner Genesung steht. Mein klinisches Interesse an Jen und den anderen Frauen, deren Fälle ich hier erwähnen werde, hat mit dem zu tun, was zur Initiation der Genesung führt, und wie Menschen diese Initiation benutzen, um sich selbst zu werden. Diese Sicht vereint Krankheit, Beziehung und therapeutische Einsicht in ein verwandeltes Bild dessen, was es heißt, Frau zu sein. So gilt mein Interesse ebenso dem Unvorhergesehen, Überraschenden, Rätselhaften und Metaphorischen wie dem Symptomatischen. Dieses Interesse fand nicht mit Jen seinen Anfang, wurde aber durch sie getroffen.

Über die Wochen kämpften Jen und ich gegen die zwanghafte, hartnäckige Umklammerung ihrer infantilen Tendenzen. Zusätzlich zu ihrer Unreife war sie sich auch der Folgen ihres Mangels von Erwachsensein völlig unbewußt, außer wenn es "weh tat": wenn sie krank war, angegriffen oder ignoriert wurde, ihren Arbeitsplatz verlor, mißhandelt wurde. Ich war aber auch "jung" in meinem Beruf, und es fiel mir schwer, die erforderliche Stetigkeit in meiner Vorgangsweise zu bewahren und die nötigen Kräfte aufzubieten, um ihren verwirrenden Phantasien und Träumen zu begegnen, ihren schlauen Widerständen, der scheinbar "verhexten" Art, wie sie unbewußte Impulse ausführte, und genügend Zeit und Mittel zu finden, mit den Einschränkungen ihrer Situation fertig zu werden: einen wohlgesonnenen Arzt für Notfälle auszumachen, mein eigenes Gleichgewicht und den nötigen Abstand zu behalten, und gelegentlich diese allernötigste der therapeutischen Eigenschaften wiederzuerlangen, welche die Geduld ist.

Aber wir harrten aus. Die Mittel waren offensichtlich begrenzt und die Beziehung anstrengend; dennoch schien es keine andere Wahl zu geben, wollte man sie nicht langfristig in eine Anstalt abschieben. Das weigerte ich mich zu tun. So hielten wir zweieinhalb Jahre durch, und die Vollendung der ersten Phase unserer Zusammenarbeit brachte die inzwischen oft bestätigte Einsicht, daß sogar bei mangelnder äußerer Unterstützung etwas aus den verborgenen Schichten der Psyche entspringen kann, was eine Person in eine neue Art der Selbstbetrachtung und des Seins in der Welt initiiert, ohne ihre Pathologie auszulöschen oder zu korrigieren, sondern indem es sie in eine veränderte Person miteinbezieht.

Als ich das erste Mal sehr ruhig zu Jen sagte: "Du bist eine Frau", sah ich sie zusammenzucken. Sie wechselte sofort ihre Haltung, wandte sich ab, runzelte die Stirn und senkte ihren Blick. Als sie mich dann wieder anschaute, waren ihre Augen finster, und sie schien wütend und voller Groll zu sein, als wäre sie eines dringend gebrauchten imaginären Objekts beraubt worden, auf das sie ihre Sicherheit projiziert hatte. Später konnte sie gereizt sagen: "Ich mag es nicht, wenn du diese Worte gebrauchst: Mädchen, Frau, weiblich und all das." Doch ich beharrte, nicht in defensiver oder streitender Weise, aber einfach als Bejahung und Bestärkung der Erkenntnis, daß sie weiblich war. Diese Periode könnte als "Gattungsbejahung" bezeichnet werden, außer daß Jen selber nie freiwillig eine Bejahung hervorbrachte. Ich war diejenige, die sie als weiblich ansah und manchmal wagte, zu einem jungen Mädchen zu sprechen, das in ihren Träumen erschienen war und gesprochen hatte. Soviel gestattete sie, mehr nicht.

Sehr viel später, als Jen verschiedene Teile ihrer selbst bewußter unterscheiden konnte, identifizierte sie eine Art kleiner Dämon in sich, ein enfant terrible mit eisernem Willen und hartnäckig, von jähzornigen Gedanken und Wutausbrüchen besessen. Er sei es, sagte sie, der ihre Ausschreitungen provoziere und solch störrische Gewalttätigkeit beschwöre, wie sie oft darbot. Als sie ihn beschrieb, hatte er alle Merkmale eines Rumpelstilzchens. Ich war aber überzeugt, daß sein Einfluß durch keinen Vergleich und kein anderes Wissen als ein selbsterfahrenes gelindert werden konnte, denn er war eine lebendige Kraft. Als sie eine kleine hölzerne Figur von ihm bastelte, ragten fünfzig Nägel aus seinem Kopf (sie war inzwischen in ihrem fünfzigsten Lebensjahr), so angeordnet und gebogen, daß sie über seine Ohren hingen und seine Augen verdeckten. In einer immerwährenden Grimasse verfangen erhielt ihre innere Figur den Namen "Kleiner Nagelkopf".

"Du bist mehr als nur der Kleine Nagelkopf. Er ist nicht dein ganzes Du," behauptete ich. Dennoch vergingen viele Wochen, bevor sie ein noch so ärmliches "Anderes" genügend bejahen konnte, um es als möglicherweise weiblich anzusehen und es selbstbewußt "sie" zu nennen - seine Gegenwart lag fern, unbestimmt, fast unerreichbar. Nachdem sie in einem Wutausbruch einen Stuhl zerschlagen hatte, konnte sie sagen: "Ich benahm mich als Kleiner Nagelkopf," aber nie schlug sie vor: "Ich bin sie."

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