Daimon Verlag

Die Bedeutung des Traumes
von
C.A. Meier

Leseprobe

II. Methoden der Traumforschung

1. Rationale Methoden

Sofern wir uns der vorerwähnten prinzipiellen, unvermeidlichen Schwierigkeiten bewußt sind, müssen wir uns mit vorläufigen indirekten Methoden behelfen. Was sich hier unmittelbar anbietet, sind vergleichende Gesichtspunkte. Man kann z.B. das unbewußte Produkt Traum mit den Mitteln des Bewußtseins zu erfassen versuchen, es also mit dem Bewußtsein in Beziehung setzen, d.h. das Bewußtsein mitberücksichtigen. Dies kann beispielsweise auf folgende zwei Arten geschehen: a) Vergleich zwischen dem Vorstellungsablauf im Bewußtsein im allgemeinen und dem Vorstellungsablauf im Traum. In intensiver Art sind solche Vergleiche gemacht worden von Emil Kraepelin in seiner Arbeit "Die Sprachstörungen im Traum". In extensiver Weise liegt ein Versuch von K. Leonhard vor mit dem Titel "Die Gesetze des normalen Träumens". Auch Robert Bossard macht einen ähnlichen Versuch in "Psychologie des Traumbewußtseins". Es ist klar, daß eine solche Betrachtungsweise nur aussagekräftig würde, wenn sie anhand einer sehr ausgedehnten Traumpopulation erfolgt wäre, welche eine statistische Auswertung erlaubte. Es sollte dann prinzipiell möglich sein, Gleichungen aufzustellen, ähnlich wie dies bei Freud rein intuitiv geschehen ist. Leider ist ja bei ihm die eine Seite der Gleichung immer die Sexualität geblieben, wobei angenommen werden muß, daß mit dieser Form der petitio principii seine eigene Psychologie in die Theorie hineinfloß. Man wird sich also besser hüten, solche Gleichungen zu rasch aufzustellen.

b) Vergleich der Traumvorstellungen mit der individuellen Bewußtseinssituation und der realen Lage des Träumers. Ansätze für diese Betrachtungsweise werden am besten in extremen Fällen gesucht, weshalb solche Untersuchungen meistens von Ärzten anhand ihres Krankenmaterials angestellt wurden. Wenn also z.B. ein Patient sehr ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle hat, so kann man sein Traummaterial daraufhin untersuchen, in welcher Form sich dieser Tatbestand darin spiegelt. Außerdem kann man mit dieser Methode untersuchen, an welchen Stellen der Traumserien bestimmte Motive gehäuft auftreten, diese Häufungen verfolgen und feststellen, mit welchen Häufungen von Bewußtseinsvorstellungen des Träumers oder seiner äußeren Realitätsgegebenheiten sie koinzidieren.

Mittels dieser Methode hat Jung seine Traummaterialien gesichtet und den Häufungen bestimmter Traumfiguren und -motiven spezifische Namen gegeben, wie etwa "Schatten", "Anima", "Mandala" etc. Man vergleiche hiezu "Traumsymbole des Individuationsprozesses", wo Jung einen ersten statistischen Ansatz dieser Art macht, sowie "Psychologie und Alchemie".

Natürlich verlangen die Methoden 1 a) und b) eine große Population von Träumen, um einigermaßen zuverlässige Korrelationen zu ergeben. Das Vorgehen ist ein rationales, indem man annimmt, es handle sich um die Beziehung zwischen zwei bekannten Größen oder mindestens einer bekannten und einer vergleichbaren.

2. Amplifikationsmethode

Die Behandlung des Traumes unter Anwendung der Amplifikation ist eine von Jung inaugurierte Methode. Sie eignet sich weniger für jeden beliebigen Traum als vielmehr für solche, bei denen die sonstigen Methoden nicht viel Befriedigendes zeitigen. Sie beschränkt sich außerdem auf einzelne Traumelemente, zu welchen dem Träumer wenig oder keine persönliche Erfahrungen einfallen und die trotzdem im Traumtext eine wesentliche Rolle spielen. Die klassische Anwendung findet die Amplifikation auf Elemente, die eindrucksvoll fremdartigen Charakter haben. Das Bedeutende solcher Bilder bleibt aber unerkannt, weil es sich meist nur um Andeutungen, lapidare Ausdrücke oder fragmentarische Aussagen handelt.

Wenn die Philologen auf einen neu gefundenen verstümmelten alten Text stoßen, so pflegen sie zu dessen Rekonstruktion Konjekturen zu machen, deren Elemente aus analogen und in entsprechenden Teilen besser erhaltenen Stellen stammen. Damit ist in nuce das Vorgehen bei der Amplifikation bereits beschrieben. Wir behandeln das entsprechende unverständliche Traumelement wie eine Lücke in einem sonst leidlich erhaltenen Text und bemühen uns natürlich dabei, innerhalb des Milieus zu bleiben, in welchem das entsprechende Traummotiv eingebettet ist. Im Gegensatz zu den zwei erwähnten Methoden bleiben wir also bei der Amplifikation beim Einzelfall und versuchen ihn auszuweiten (lat. amplificare, von amplus + facio = erweitern, ausdehnen, vermehren, erhöhen, in helleres Licht setzen). Dadurch bleibt die Amplifikation als Methode auch durchaus beim selben Objekt, d.h. dem psychischen Inhalt des Traumes. Sie sucht also nicht so sehr den Inhalt des Traumes mit dem Bewußtsein des Träumers in Verbindung zu bringen, als vielmehr innerhalb des Unbewußten zu bleiben, so daß die Subjekt/Objekt-Relation kein großes Problem für sie darstellt.

Nachdem diese Amplifikationsarbeit geleistet ist, kann es nun geschehen, daß sich der Sinn der Traumstelle herstellt, gewissermaßen als neues Element auftritt und damit auch sein Zusammenhang mit dem Bewußtsein des Träumers klar wird. Er stellt sich dann als Folge der Amplifikation gewissermaßen von selbst her, wobei diese Beziehung geradezu als ein neuartiges Erlebnis auftreten und eine bewußtseinswandelnde Wirkung haben kann, die dann ea ipsa überzeugend ist. Leider eignet sich die Methode schlecht für eine abstrakte Demonstration, da die unmittelbar überzeugende Wirkung ein exquisit subjektiver Vorgang ist. Sie hat auch aus diesem Grund ihren Schwerpunkt in der Therapie, von der hier nicht die Rede sein soll. Da aber die meisten psychologischen Auffassungen, bei denen die Phänomene des Unbewußten eine maßgebliche Rolle spielen, ihre massivsten Auswirkungen im Gebiet der Psychopathologie aufweisen, empfiehlt es sich doch, die Methode hier mit einem solchen Beispiel zu illustrieren.

Wir benötigen hiezu eine kurze Anamnese des Falles, wobei ich nur die Daten angebe, welche zur Beurteilung dieses speziellen Traumes nötig sind.

Der damals 57jährige Patient war ein amerikanischer Jurist, der sehr erfolgreich war und bedeutende Stellungen eingenommen hatte. Er war glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder. Seit mehreren Jahren litt er an einer sehr schweren Melancholie und hatte diese Zeit, ohne jeden Erfolg, in mehreren amerikanischen Sanatorien verbracht. Es gab damals noch keine Psychopharmaka, und gegen Depressionen war nur der Insulin-Schock bekannt; diese Methode wurde aber nicht angewendet.

Er war psychisch und physisch lahmgelegt und konnte kaum zum Sprechen bewegt werden. In diesem Zustand erschien er, von seiner Frau beinahe geschleppt, in meiner Sprechstunde. Er war kaum imstande, meine wenigen Fragen zu beantworten, weshalb ich ihm lediglich einen kleinen Vortrag über mögliche psychologische Hintergründe eines solchen Zustandes und deren Manifestation in Träumen hielt. Bisher hatte der Patient nach seinen Angaben nichts geträumt. Abschließend bat ich ihn, also doch bitte auf seine Träume zu achten. Zwei Tage später erschien er zum zweiten Mal mit einem Blatt Papier, auf dem seine Frau den ersten von ihm diktierten Traum aufgeschrieben hatte. Er lautete folgendermaßen:

"Ich war damit beschäftigt, Forellen zu fischen, nicht in einem gewöhnlichen Fluß oder See, sondern in einem Reservoir, welches in verschiedene Kammern abgeteilt war. Ich fischte mit gewöhnlichem Fischzeug (Fliegen etc.). Ich hatte kein Glück. Indem ich ungeduldig erregt wurde, nahm ich einen dreizackigen Speer, der dalag, und konnte sofort einen prachtvollen Fisch aufspießen."

Da der Verlauf der Krankheit für die anzuwendende Amplifikation nicht ganz irrelevant ist, sind wir dem Leser eine kurze Katamnese schuldig: Im Laufe von 10 Tagen nach diesem Initialtraum trat eine schrittweise Aufhellung der Melancholie ein bis zur völligen Heilung. Der Patient blieb noch mehrere Monate bei mir in analytischer Behandlung und blieb psychisch gesund bis an sein Lebensende.

Die Besprechung des Traumes wird in einem späteren Kapitel erfolgen, wogegen wir uns hier auf die Amplifikation eines einzigen Elementes beschränken wollen, nämlich des dreizackigen Speeres. Es sei vorausgeschickt, daß der Patient in seiner maximalen Apathie kein einziges Wort zum Traum zu sagen imstande war und daß ich mich lediglich dazu bewogen fühlte ihm zu sagen, daß offenbar Hoffnung auf rasche Besserung des Zustandes bestehe.

In solchen Fällen, sowie bei Traumelementen, zu denen dem Träumer nichts einfallen will, obschon sie eine wichtige Rolle im Traume spielen, versuchen wir nun nach Jung objektive Vergleichsmaterialien beizuziehen, sie also zu amplifizieren. Der Dreizack als Fischereigerät ist sicher uralten Gebrauches und wird bei uns heute noch verwendet, z.B. auf Sizilien und in der Provence, wo er foëne heißt, doch dürfte dies dem Patienten kaum bekannt gewesen sein, war er doch ein ausgesprochen moderner Amerikaner. Auch war die heute so verbreitete Unterwasser-Sportfischerei mit dem Gewehr und dem Dreizack damals (1937) noch unbekannt. So fällt uns denn als nächste Assoziation der Dreizack des Poseidon ein. Über Motive der klassischen Mythologie finden wir heute leicht das nötige Parallelmaterial in den Büchern von K. Kerényi oder im bekannten "Lexikon der griechischen und römischen Mythologie" von W. H. Roscher. Epiphanien der griechischen und römischen Götter fanden, wie wir schon aus Artemidor wissen, häufig einfach durch das Auftreten eines ihrer Attribute statt. Ich gebe nun im folgenden eine Übersicht über die wichtigsten Daten der Poseidon- (röm. Neptun-)Mythologie: Zeus, Poseidon, Hades und Hera sind die vier Kinder von Kronos und Rhea. Durch das Los (Ilias XV 189ff.) erhält als seinen Machtbereich Zeus den Himmel, Poseidon die Erde und das Meer und Hades die Unterwelt.

1. Poseidon wird in erster Linie verehrt als der Erderschütterer, als der er die Erdbeben hervorruft ( ennosigaios, enosichthon = Erderschütterer), er ist aber auch der Erdhalter und Gatte der Erde (gaieochos = Erdbeweger) und Asphaleios, der Sicherheit, Festigkeit (z.B. gegen Erdbeben) gibt.

2. In zweiter Linie ist er ein Sturmgott. Die Wellen (engl. white horses) und Wolken sind seine sturmgetriebenen Rosse. Die Meer- und Winddämonen gehorchen ihm. Er ist hoch emotional und hat stürmische Liebesaffären mit Gorgo, den Erinnyen, Demeter und vielen andern, abgesehen von Amphitrite. Aus seiner Verbindung mit Gorgo entsteht die Medusa und aus dieser die Pferde Chrysaor und Pegasos (vgl. Ziff. 6).

3. Als Meergott ist er der Halios Geron, der Alte vom Meer, und es gehören zu ihm Nereus, Glaukos, Triton und Proteus.

4. Er ist auch der Gott der Binnenländer und Binnengewässer, auch der Quellen, welche da entstehen, wo er seinen Dreizack in die Erde stößt oder als Pferd die Erde mit dem Huf schlägt (Hippokrene). Bei Trockenheit sorgt er für Wasser (Regen) und sorgt dafür, daß es fließt wie beim Flusse Peneios in Thessalien. Durch Einschlagen seines Dreizacks öffnet er Täler und fließende und schiffbare Verbindungen zwischen Meeren wie beim Bosporus und Hellespont (positive Bedeutung der Erdbeben, vgl. Ziff. 1).

5. Poseidon ist verantwortlich für das Pflanzenwachstum und heißt deshalb Georgos (die Erde pflügend, fruchtbar machend) oder Phytalmios (phytalmios = ernährend).

6. Er ist ein Rossebändiger (vgl. Ziff. 2) und Herr der Herden und Rosse und Wagenrennen, woher er das Epithet Hippios trägt. Mit seinem Dreizack hat er das erste Pferd erzeugt (Kolonos Hippios). Es werden ihm auch Pferde geopfert.

7. Er ist ein Geburts-, Stamm- und Schutzgott der Menschen, insbesondere ist er der göttliche Stammvater der Ionier, (genethlios = Stammvater).

8. Poseidon ist auch ein Orakelgott (wie alle Chthonier). Als solcher besaß er Delphi ehe es an Apoll überging und die Pythia hat ihn vor dem Dreifuß immer zuerst angerufen.

9. Er genießt auch Verehrung als Arzt (iatros), z.B. auf der Insel Tenos, und ist der Vater der beiden aus der Ilias bekannten Ärzte Machaon und Podaleirios.

Seine wichtigsten Attribute sind der Thunfisch (Thynnos), der nützlichste Fisch des Altertums, und der Dreizack, die Triaina lat. tridens. Dieser ist vom selben Fabrikat wie die Blitze des Zeus Keraunios, nämlich von den Cyclopen und Telchinen geschmiedet, ist sein Szepter und bedeutet seine Herrschaft, sein Reich (wie dies auch in Indien der Fall ist), was besonders schön zur Darstellung kommt am Westgiebelfries des Parthenon, wo sich Poseidon mit Athena um sein Bodenrecht streitet. Natürlich dient ihm der Dreizack auch als Waffe, z.B. gegen die Giganten.

Offensichtlich handelt es sich bei der Triaina um ein exquisit phallisches Symbol. Wenn wir das Wort "phallisch" gebrauchen, so soll hier bemerkt werden, daß die Bedeutung des nachgebildeten männlichen Gliedes, das Sinnbild der Zeugungskraft der Natur überhaupt und der schöpferischen Potenz des Menschen ist, und daß es sich nicht um eine leichtsinnige Metapher oder "Beschönigung" des Wortes Penis handelt. Phallos ist eigentlich ein Pflock aus Feigen- oder Olivenholz und stammverwandt mit lat. palus, dtsch. Pfahl. Seine Bedeutung ist identisch mit derjenigen des indischen Lingam. Von hier aus sind die vielen produktiven Eigenschaften Poseidons (cf. Ziff. 1-9) zu sehen, und es verwundert also nicht, wenn ein Erdbeben oder das Erscheinen des Poseidon oder seines Dreizacks im Traum bei Artemidor (2, 43) als gutes Omen gilt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Poseidon einer der mächtigsten Götter ist, daß er sozusagen die chthonische Seite des Olymp verkörpert, daß er sehr irrational und emotional ist und daß ihm bei seinen diesbezüglichen Ausbrüchen immer etwas Kreatives passiert. (Wir erinnern uns hier an das gleichartige Motiv der "unfreiwilligen Schöpfung" aus dem Kalikapurana, wie es uns erstmals Heinrich Zimmer zugänglich machte.)

Diese eminent schöpferische Potenz ist nun gleichbedeutend mit der Heilkraft, welche in mythologischer Sicht die Gesundheit zeugt.

Unserem Patienten dürfte die Poseidon-Mythologie kaum bekannt gewesen sein. Jedenfalls war er in seinem bedauernswerten Zustand nicht einmal in der Lage, die offensichtliche Assoziation zwischen dem dreizackigen Speer und Neptun zu vollziehen, obschon doch der Dreizack der eindrucksvolle eigentliche deus ex machina seines Traumdramas ist. Anderseits wissen wir retrospektiv, daß der Traum den unmittelbar einsetzenden Heilungsprozeß ankündigte. Es kann sich also nur um ein entweder zufälliges Zusammentreffen von Traum und Spontanremission der depressiven Phase handeln oder um das Auftreten eines synchronistischen Phänomens, denn eine echt kausale Beziehung ist kaum denkbar. Poseidon hat nun aber viele solche Spontaneffekte durch sein blitzartiges Auftreten produziert, so daß wir uns innerhalb seiner Mythologie ganz im selben Bereich wie der Traum einerseits und die Realsituation des Patienten anderseits befinden. Vielleicht handelt es sich hier um ein Beispiel, das die von Jung vorgeschlagene Auffassung vom "Anordner" in Form des göttlichen Attributes (Dreizack = Harmonie von Körper-Seele-Geist) illustriert. Mindestens in der Perspektive des Traumes handelt es sich um ein Heilungswunder, was sich am besten erkennen läßt an den beiden Paßphotos (Abb. 1) des Patienten "vor und nach der Poseidon-Epiphanie". Der rationalistisch argumentierende Psychiater wird sich natürlich mit der bekannten Spontanremission bei Melancholie beruhigen. Aber damit hat er den Traum nicht erklärt, während es uns eher liegt anzunehmen, Poseidon hätte eben eingegriffen als Iatros (= Arzt) und uns damit dem Vorwurf des Aberglaubens auszusetzen. Von hier aus würde es sich empfehlen, im psychiatrischen Bereich einmal mit den Träumen ernst zu machen und sorgfältig zu beobachten, wie häufig solche Koinzidenzen bei Spontanremissionen vorkommen, unbeschadet der Tatsache, daß auch der modernste Psychiater nichts darüber weiß, wie dieselben zustande kommen.

Freie Assoziation versus Amplifikation

Um den Begriff der Amplifikation noch schärfer zu umreißen, soll er noch als Gegensatz zur "freien Assoziation", wie sie bei Freud verwendet wird, dargestellt werden.

Bei der freien Assoziation wird der Träumer gefragt: "Was fällt Ihnen dazu ein?" - nämlich zu einem bestimmten Traumelement a. Wir erhalten als Antwort den "freien Einfall" b. Darauf fragt man weiter, was zum Element b einfalle usw., wodurch man eine Kette von assoziativ zusammenhängenden Elementen erhält nach dem Schema

Wenn man dieses Spiel lange genug treibt, wird man unter gewissen Bedingungen regelmäßig beim selben x landen. So habe ich beispielsweise während meines Studienaufenthaltes in Paris mit meinen Freunden und Bekannten das Experiment gemacht, indem ich als Element a die dort an den Mauern öffentlicher Gebäude immer wieder anzutreffende Aufschrift "Défense d'afficher. Loi du 29 juillet 1881" nahm und sie "frei dazu assoziieren" ließ.

Wie man sieht, handelt es sich bei dieser Schlußform nicht um die Erkenntnis von etwas Neuem, sondern lediglich um die Rückführung zu schon Bekanntem, also um die vertraute anagoge des Aristoteles, eine logische reductio in primam figuram, wobei man seit Freud weiß, daß die prima figura = Sexualität ist. Die Methode ist bekannt als Ketten- oder Haufensatz, Sorites Syllogisticus (Haufe), wobei der Schluß schon in der Prämisse steckt (a = x, also x = a).

Man bricht also mit andern Worten die Serie der Einfälle dann ab, wenn x dem in der Theorie erwarteten (sexuellen) Inhalt entspricht. Dieses Vorgehen entspricht genau dem, was man in der heutigen experimentellen Psychologie "optional stopping" nennt (willkürliches Abbrechen der Serie von Versuchen). Es ist unzulässig, denn jede Serie von Versuchen muß bis zum Ende der vorausbestimmten Zahl von Einzelversuchen durchgeführt werden und darf nicht willkürlich dann abgebrochen werden, wenn der Versuchsleiter den Eindruck hat, bereits genügend viele Einzelresultate erhalten zu haben, welche die Arbeitshypothese (Prämisse) zu bestätigen scheinen.

Weitere Zweifel an der Unfehlbarkeit der "freien Assoziation" sind selbst von Freudianern schon geäußert worden. So weist z.B. Judd Marmor darauf hin, daß Freud zwar befriedigt war mit der Feststellung, daß diese Methode "das verdrängte und durch Widerstände ferngehaltene Material dem Bewußtsein zuführe", fragt dann aber, was mit dem Material geschehe, das dem Patienten noch gar nie bewußt war, also auch nicht verdrängt sein könne, m.a.W. Material, welches unbewußt sei, ohne dem von Freud so limitierten "Unbewußten" anzugehören. Von Jung aus gesehen würde man hier in erster Linie an Inhalte des kollektiven Unbewußten denken, die unser Verhalten in hohem Maße zu determinieren pflegen ohne uns zum Bewußtsein zu kommen. Sie treten aber gelegentlich als Traumelemente recht unverständlicher Natur auf und können dann nur auf amplifikatorische Weise als solche erkannt und verstanden werden.

Demgegenüber geht man bei der Amplifikation so vor, daß man das Objekt a als Unbekannte oder als unverständlich setzt und nun so lange fragt "Was fällt Ihnen dazu ein?", bis es verständlich geworden ist, bis sein Sinn aufleuchtet. Die Frage bleibt stereotyp "Was fällt Ihnen zu a ein?" und nicht zu b, c, ... etc. Wir assoziieren also nicht "linear" wie bei der "freien Assoziation", sondern "konzentrisch" zu a und immer nur zu a. Dadurch wird a angereichert (amplifiziert), bis es seinen Fragmentcharakter verloren hat und ein ganzes Bild geworden ist. Wir scheuen uns mit Jung dabei nicht, auch unsererseits solches Material beizusteuern, das sich aus unseren Kenntnissen anbietet, insbesondere aus den Bereichen der Mythologie, des Märchens, der Folklore etc., denn wir bleiben damit im gleichen "Milieu" wie die Träume, sind wir doch überzeugt (eine durch viel Erfahrung erhärtete Überzeugung aller tiefenpsychologischen Schulen), daß Traum, Mythos, Märchen usw. nicht nur formale Ähnlichkeiten aufweisen, sondern faktisch aus dem gleichen Stoff gemacht sind. Daß sich hier eine gefährliche Willkür einschleichen kann, ist leider wahr, doch kann diese Gefahr vermindert werden, wenn man sich strikte an das Schema hält, immer nur beizutragen, was unzweifelhafte objektive Beziehungen zu a hat, was Jung mit folgendem Schema zu illustrieren pflegte.

Anmerkung: Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, daß immer so spektakuläre Wirkungen auftreten wie in dem kurz geschilderten Fall. Sie sind im Gegenteil selten. Auch kann der Fall selber hier nicht diskutiert werden, würde dies doch die Berücksichtigung einer langen folgenden Traumserie und von vielem anderem mehr verlangen (auf einige spätere Träume unseres Patienten werden wir unten noch zurückkommen), noch ist hier der Ort, über die Pilatus-Frage zu diskutieren, was denn nun eigentlich die causa efficiens bei der Psychotherapie sei. Die vorstehenden Ausführungen sollen also hier ausschließlich als "Schulbeispiel" für die Amplifikation stehen. Natürlich hat der Patient selbst von diesen Amplifikationen nie erfahren, mußte ich sie doch selber erst in der Literatur nachsehen. Unbestritten bleibt nur das Faktum, daß er diesen Initialtraum hatte und daß dieser eine unmittelbare Wirkung ausübte, oder neutraler ausgedrückt, von der Heilung gefolgt war. Es soll also auch kein post hoc ergo propter hoc stipuliert werden, doch dürfte es einleuchten, daß wir uns mit der Poseidon-Mythologie im selben Bereich befinden wie die Heilung: ungeduldige Erregung, was bei seinem völlig apathischen Zustand ein novum darstellt, und Ähnlichkeit mit Poseidons bekanntem Ungestüm aufweist (e-motion = Herausbewegen aus der Lethargie) und darauffolgendes Auftreten eines phallisch-schöpferischen = heilenden Instrumentes mit glücklichem Ausgang.

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