Daimon Verlag

Die Empirie des Unbewussten
von
C.A. Meier

Einleitung

Ein nicht ganz unnützes Vorwort

Nur Götter werden wunderbar fertig hervorgebracht aus Bäumen, Bergen oder dem Haupt des Zeus. Jede Wissenschaft hat ihre Phylogenie und ihre Ontogenie, so, wie sie ihre Voraussetzungen und Folgerungen hat. Für uns Epigonen ist es deshalb Selbsttäuschung, wenn wir die geistesgeschichtliche Stellung einer Lehre oder die individualgeschichtliche Entwicklung bei ihrem Schöpfer nicht beachten. Dadurch bleibt dann ihre Aneignung sozusagen epiphänomenalistisch.

Daß Carl Gustav Jung sich der Notwendigkeit einer Besinnung auf die geistesgeschichtlichen Hintergründe stets bewußt war, ist in seinem Gesamtwerk deutlich. Die individualgeschichtlichen Motivierungen hingegen hat er nirgends betont. Sie waren ihm zu ephemer und zu persönlich, also unwichtig. Dieser Mangel muß sich aber notwendigerweise rächen bei jedem, der nicht sozusagen "in der Wolle gefärbt" wurde. Allzu leicht entsteht dann eine andere Illusion: daß nämlich der Jungsche Gesichtspunkt ein relativ geschlossenes, fertiges Gebilde sei, dessen Beginn in der Prähistorie der Psychologie, also an der Jahrhundertwende, liege, und das mit dem Tode seines Schöpfers ende. Wir sind demgegenüber der Überzeugung, daß Jung diese beiden Grenzen weit überschreitet bzw. überschreiten wird. Natürlich liegen die Anfänge materiell bei seinen ersten wissenschaftlichen Publikationen (1902), ideell hingegen bei seinen leiblichen Ahnen und den geistigen Vorahnen, die dann auch wieder die unsrigen sind. Solche Zusammenhänge verständlich zu machen, war eines von Jungs Hauptanliegen beim analytischen Erziehungswerk, denn das Überleben dieser Dominanten trat gerade hierin immer wieder klar zutage. Damit wurde die Arbeit von Meister und Schüler schöpferisch im Sinne der Persönlichkeitsentfaltung und wuchs über das im strengen Sinne "Analytische" hinaus, so wie die "Zürcher Schule" über die "Wiener Schule" hinauswuchs. Zwar zeugt der Name "Analytische Psychologie", mit welchem Jung seine therapeutische Richtung gegenüber der Freudschen "Psychoanalyse" zunächst bezeichnet haben wollte, noch für die Verwandtschaft der beiden Gesichtspunkte. Doch läßt er sich eigentlich nur vertreten, wenn wir ihn streng der therapeutischen Verwendung vorbehalten.

Als ich vor vielen Jahren den Auftrag übernehmen durfte, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Jungsche Psychologie zu dozieren, konnte es nicht darum gehen, die Probleme der ärztlichen Sprechstunde zu popularisieren. Jung selber hatte als mein Vorgänger über Psychologie ganz allgemein gelesen. Es ist natürlich, daß er dies von seinem spezifischen Gesichtspunkt aus tat. Ich trat deshalb, nicht ohne Zagen, die Aufgabe des Schülers an, den Lehrer möglichst getreu zu vertreten, was insofern verantwortet werden konnte, als ich jahrelang sein Assistent und zeitweise sein Stellvertreter gewesen war. Anläßlich der Stiftung des Psychologiefonds der ETH hatte Jung für seine eigene Tätigkeit an der Hochschule ein charakteristisches Programm formuliert:

"Der Charakter der Behandlung dieser Psychologie soll im allgemeinen bestimmt sein durch das Prinzip der Universalität, d.h. es soll keine Spezialtheorie und kein Spezialfach vertreten werden, sondern die Psychologie soll in ihren biologischen, ethnischen, ärztlichen, philosophischen, kulturgeschichtlichen und religiösen Aspekten gelehrt werden.

Der Zweck dieser Bestimmung ist, die Lehre von der menschlichen Seele aus der Beengung des Faches zu befreien und dem durch Fachstudien belasteten Studenten Überblicke und Zusammenfassungen zu geben, um ihm eine Orientierung in Lebensgebieten zu ermöglichen, welche sein Fachstudium ihm nicht vermittelt. Die Vorlesungen im Rahmen der allgemeinen Psychologie sollen dem Studierenden die Möglichkeit seelischer Kultur vermitteln."

Es war mir aber aufgefallen, daß dem aus dem vollen schöpfenden Urheber die Perspektive des Werdegangs seiner Anschauung zu selbstverständlich war und er dadurch dem unvorbereiteten Zuhörer oft zu großen Kredit gab. Auf alle Fälle glaube ich, in meinen eigenen Vorlesungen und Seminarien im Kontakt mit den Studenten gelernt zu haben, auf welche sous-entendus es ankommt, damit ein wirkliches Verständnis der so überaus subtilen Fragen der Psychologie erreicht wird. Als Dank für die vielen Anregungen sei denn auch dieser einleitende Band der Abteilung für Geistes- und Sozialwissenschaften und den Studierenden der ETH gewidmet.

Die weiteren Bände dieses "Lehrbuches" mögen vielleicht auch verständlich machen, weshalb ich den Ausdruck "Komplexe Psychologie" vorziehe. Zwar ist er zu gewissen Zeiten gerade bei den "Jungianern" bekämpft worden, namentlich aus dem unsinnigen Grund, "weil er sich nicht übersetzen lasse". Deutsch ist immerhin eine Kultursprache, wovon man sich nicht zuletzt bei der Lektüre des Jungschen Gesamtwerks überzeugen kann. "Analytische Psychologie" erweist sich ohnehin als eine ungenügende und oberflächliche Bezeichnung, insbesondere gegenüber "Psychoanalyse", auch wenn damit der Akzent von der "Analyse" auf die "Psychologie" verschoben ist. "Komplexe Psychologie", eine Anregung von Toni Wolff, ist der ominösen Sprechstundenpsychologie viel eindeutiger enthoben. Sie will besagen, daß viel eher den komplexen als den elementaren menschlichen Phänomenen in der Welt Rechnung getragen wird, womit wir dann wieder auf die kulturhistorischen Voraussetzungen kommen. Insofern Jungs Psychologie bei jeder Erörterung eines Problems neben dessen Bewußtseinsaspekt immer auch das Unbewußte mit berücksichtigt, besitzt sie eine gewisse Analogie zu mathematischen Problemen mit komplexen Zahlen, die sich additiv aus reellen und imaginären Größen zusammensetzen. Im Falle der Psychologie würden die reellen den bewußten und die imaginären den unbewußten Komponenten entsprechen. Sie beschäftigt sich also in diesem Sinne ausschließlich mit komplexen psychischen Phänomenen. Zwar hat Jung sich zu zwei Malen auch mit relativ elementaren psychologischen Fragen ausführlich beschäftigt: 1. in der Komplexforschung (was mit dem Ausdruck "Komplexe Psychologie" nicht zu verwechseln ist) und 2. bei den Orientierungsfunktionen des Bewußtseins (Typologie). Aber gerade hier sieht man auch sofort wieder, wie er zu den umfassenderen, komplexeren Funktionen fortschreitet, etwa in der allgemeinen Komplextheorie, mit ihren Anwendungen auf Psychopathologie, Parapsychologie, Folklore, Mythologie usw. und bei den geistesgeschichtlichen Konsequenzen der typologischen Gegebenheiten und Verschiedenheiten, wie er anhand von Universalienstreit, Religion, Mystik usw. exemplifiziert. Die "Komplexe Psychologie" umfaßt also sowohl die einfacheren seelischen Phänomene, deren Wurzeln, wie Freud gezeigt hat, unmittelbar in den Trieben liegen, als auch jene, für die nur eine geistige Herkunft angenommen werden kann. Anläßlich der Übergabe des "Codex Jung" hat sich der Schöpfer dieser "Komplexen Psychologie" bekenntnishaft so ausgedrückt: "Wenn wir den Menschen von heutzutage wirklich psychologisch erfassen wollen, so müssen wir unbedingt seine geistige Geschichte kennen. Wir können ihn nicht auf bloß biologische Daten reduzieren, denn er ist nicht bloß biologisch-naturhaft, sondern auch ein Produkt seiner geistigen Voraussetzungen."

Das "Lehrbuch" stellt sich also die anspruchsvolle Aufgabe, die empirischen Elemente der Jungschen Psychologie einerseits historisch gewissenhaft aus ihrem Ursprung heraus darzustellen. Hierin liegt auch die Begründung dafür, daß ich bei den Literaturangaben immer die Erstausgaben anführe. Dadurch sollte es für jedermann möglich sein, die Entwicklung mitzuvollziehen. Gleichzeitig werden auf diese Weise die Gedankengänge Jungs in den kulturhistorischen Zusammenhang gestellt, aus dem sie tatsächlich stammen und in den sie infolgedessen gehören, womit sich dann die zu ihrem Verständnis nötige Perspektive ergeben sollte. Dabei wollen wir versuchen, die noch offenen Fragen wirklich offenzulassen und nicht den Anschein zu erwecken, es handle sich um eine "Lehre". Jungs Ideen sind auch dort, wo es sich um streng wissenschaftliche Detailarbeit handelt, immer Anregungen, deren Fruchtbarkeit meist noch keineswegs erschöpft ist. Die Komplexität der psychologischen Phänomene ist unbegrenzt. Gerade hier erweist sich der völlig offene Jungsche Blickwinkel als ancilla für die verschiedensten Wissenschaften und erhebt nirgends den Anspruch auf endgültige Vollständigkeit. Er hat so komplizierte Grenzen wie die Schweiz und berührt viele verschiedene Kulturbereiche. So soll nur daran erinnert werden, daß für nicht weniger als drei Dozenten der ETH Jungs Erkenntnisse auf ihren gänzlich diversen Gebieten fruchtbar geworden sind: bei Wolfgang Pauli für die theoretische Physik, Eugen Böhler für die Nationalökonomie und Karl Schmid für die Germanistik. Wesentliche Bereicherung boten sie sodann für die Sinologie bei Richard Wilhelm, die Indologie bei Heinrich Zimmer, die klassische Mythologie bei Karl Kerényi und die iranische Mystik bei Henry Corbin. Diese vielfältige Fruchtbarkeit illustriert wohl am besten die Berechtigung des Namens "Komplexe Psychologie".

Wenn ich sagte, Jungs Gesichtspunkt sei kein "geschlossenes System", es handle sich nicht um eine "Lehre", so ist damit zugegeben, daß eine lehrbuchmäßige Darstellung im Grunde ein hoffnungsloses Unternehmen bedeutet. Trotzdem hat es sich immer gezeigt, daß ein Bedürfnis für solche Zusammenfassungen vorliegt: unsere Studenten interessieren sich dafür, und es gibt Menschen, die Jungs Psychologie gar erlernen wollen. Bisherigen Versuchen einer systematischen Darstellung - angefangen bei Joan Corrie und späteren - gegenüber soll es unser Anliegen sein, auch den Anschein zu vermeiden, als ob ein so offenes "System" lückenlos darstellbar wäre. Und wenn es uns gelingt, nur einige der vielen noch ganz ungeklärten Fragen zu erörtern, so ist der Zweck dieses "Lehrbuchs" mehr als erfüllt.

Wenn Jung nie eine Systematik seines Werks gegeben hat, so beruht dies nicht nur darauf, daß er dafür weder Begabung noch Neigung besaß. Er hat vielmehr gewußt, daß eine solche dem Wesen seiner Erkenntnisse gar nicht gerecht werden könnte. So sind seine beiden einzigen systematisierenden Werke, "Psychologische Typen" (1921) und "Über die Energetik der Seele" (1928), obwohl sie äußerst fruchtbare Gesichtspunkte gerade für die Praxis bringen, von ihm nie wieder aufgenommen oder weitergeführt worden.

Der Leser dieses "Lehrbuchs" möge also den Versuch einer wenig systematischen Darstellung hinnehmen und Nachsicht üben, wenn ich stellenweise gezwungen bin, Dinge zu sagen oder Begriffe einzuführen, die erst in einem späteren Zusammenhang größere Klarheit gewinnen können. Dasselbe gilt folgerichtigerweise auch für gelegentlich unvermeidbare Wiederholungen. Ich bemühe mich, einerseits das zu sagen, was empirisch wohl begründet ist, und anderseits die noch bestehenden Probleme herauszustellen. Daß dabei vieles, allzu vieles wegfallen muß, ist unumgänglich, obschon zwangsläufig auch subjektiv bedingt. Vor allem habe ich darauf verzichtet, eine Darstellung der therapeutischen Seite der Jungschen Psychologie zu unternehmen, da diese nur praktisch in der eigenen Analyse erlernt oder besser erfahren werden kann. Vorbeugend sei noch bemerkt, daß es sich überall dort, wo ich klinisches Material zitiere, um Ausnahmefälle handelt; in der Praxis sind solche "Wunderheilungen" ebenso selten wie in Lourdes.

Nun hat ja Jung zwar ausgiebig erfahren, daß

"sich neue Bahnen brechen

heißt, in ein Nest gelehrter Wespen stechen". (Wieland)

Ich habe darauf verzichtet, auf Polemik einzugehen. Nicht weil wir daran nicht lernen könnten, sondern weil sie nur fruchtbar werden kann, wenn der einzelne sich, getreu der analytischen Erkenntnis, mit seinem eigenen "Wespennest" sine ira et studio beschäftigt, wofür er, wie ich hoffe, hier auf Schritt und Tritt Gelegenheit finden wird.

Es bleibt mir noch, dem verstorbenen Präsidenten des Schweizerischen Schulrates, Herrn Prof. Arthur Rohn, zu danken für seine seinerzeitige Aufforderung, an der ETH Vorlesungen über Jungsche Psychologie aufzunehmen; denn ohne das, was ich bei dieser Gelegenheit selber lernen durfte, wäre diese Arbeit nie entstanden. Damit verbindet sich meine Erkenntlichkeit meinen Hörern und Seminarteilnehmern gegenüber für ihre vielen Anregungen. Ganz besonders aber möchte ich dem jetzigen Präsidenten, Herrn Prof. Hans Pallmann, für sein stetes Interesse und seine Förderung danken. Durch seine gütige Vermittlung erhielt ich auch Zuschüsse aus dem Dr. Donald Cooper-Fonds und dem Esther T. Taylor-Legat an der ETH, wodurch ich mich zeitweise von der schweren Bürde der Praxis soweit entlasten konnte, daß ich Muße zum Schreiben fand. Ein letzter, leider posthumer Dank gilt meinem verstorbenen Freund Wolfgang Pauli. In 25jähriger Diskussion über Physik und Jungsche Psychologie durfte ich unschätzbare Kritik und Anregung von ihm erfahren.

I. Historisch-kritische Einleitung

Ne supra crepidam sutor iudicaret

Es sind erst gut 90 Jahre her, seit Sigmund Freud sein großes Pionierwerk begann. Er wies uns als erster auf jene psychischen Erscheinungen hin, deren Zustandekommen nur mit der Annahme einer unbewußten Psyche erklärt werden kann. Seine Auffassungen ergaben sich ihm aus der ärztlichen Erfahrung an seelisch Leidenden, und die beobachteten Phänomene hatten deshalb vorwiegend den Charakter von Störungen und somit von unerwünschten und zumeist sehr unangenehmen Wirkungen des Unbewußten. Als erwiesen war, in welch gewaltigem Ausmaß solche Mechanismen das Seelenleben aller Menschen, auch der gesunden, beeinflussen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung bei allen biederen Leuten. Es ist eigentlich auffallend, wie rasch sich dieser gelegt, ja, wie das Publikum heute Freuds Begriffe (wenn auch nicht unbedingt seine Auffassungen) assimiliert hat. Fast ist man geneigt, in ihnen nun selber solche hidden persuaders zu sehen, als welche die seinerzeit von Freud beschriebenen Komplexe usw. gemeint waren. Wirklich verstanden dürften sie in den wenigsten Fällen sein, aber ihre Faszinationskraft ist durch die erwähnte Popularität bezeugt. Außerdem sind sie ja nicht nur beim sog. Publikum eingedrungen: sie beherrschen heute fraglos auch das weite Feld der akademischen - vorwiegend in den USA - sowohl wie der praktischen Psychologie. Grund dafür ist angeblich die klare wissenschaftliche Formulierung der Freudschen Lehre, die infolgedessen auch lehr- und lernbar sei. Hier müßte sich ein Psychologe an den beliebten Ausspruch des Physikers Niels Bohr erinnern, daß zwischen der Klarheit und der Wahrheit eines Begriffs ein komplementäres Verhältnis bestehe. Aber, sind am Ende Freuds Begriffe gar nicht so klar definiert, wenn doch ihre Verwendbarkeit allgemein sein soll? Oder werden sie wohl oft einfach falsch angewendet? Ich möchte mich an diesem Ort einer Auseinandersetzung enthalten und nur darauf hinweisen, daß prinzipiell die Möglichkeit besteht, das Unbewußte auch außerhalb des ärztlichen Sprechzimmers zu betrachten. Es sind ihm sodann auch erfreuliche Wirkungen zuzubilligen, die es uns leichter machen sollten, seine Existenz nicht nur zuzugeben, sondern dankbar anzuerkennen. Demgemäß soll es der Zweck dieses Buches sein, die Mitwirkung des Unbewußten beim Zustandekommen aller möglichen menschlichen Äußerungen und Handlungen zu zeigen. Dabei sollen insbesondere auch die Auffassungen der "Komplexen Psychologie" Carl Gustav Jungs zur Geltung kommen. In Wirklichkeit ist die Psychologie erst durch die Einführung des Unbewußten den wahren Motiven und der Dynamik menschlichen Lebens und Handelns gerecht geworden, so daß sich die unbewußte Psyche aus unserem heutigen Bild vom Menschen nicht mehr wegdenken läßt.

Wenn im folgenden nun von den Manifestationen dieses Unbewußten die Rede sein wird, so müssen einleitend zwei Einschränkungen gemacht werden:

Erstens läßt sich gar keine menschliche Tätigkeit denken, an der das Unbewußte nicht einen größeren oder kleineren Anteil hätte. Infolgedessen sind wir gezwungen, eine Auswahl von Erscheinungen zu treffen, an denen sich diese Wirkungen deutlich machen lassen und zu deren Verständnis sich die Hypothese der Existenz einer unbewußten Psyche geradezu aufdrängt. Wir müssen uns also beschränken und wollen schon deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Zweitens müssen wir darauf verzichten, zu Beginn dieser Ausführungen, wie es sich wohl geziemen würde, eine Definition vom Begriff des Unbewußten zu geben. Dieser Verzicht empfiehlt sich sowohl aus methodologischen wie didaktischen Gründen; denn bevor wir etwas Theoretisches über das Unbewußte ausmachen, wollen wir seine Phänomenologie feststellen und untersuchen. Wir werden uns dabei auf einen skeptisch-empirischen Standpunkt stellen, den ich gern im Sinne der jüngeren Sophistik verstanden haben möchte. Denken wir dabei zum Beispiel an den philosophischen Arzt Sextus Empiricus (um 200 n.Chr.), der in Alexandria und Athen lehrte und die Schule der Empiriker gründete. Empeiria heißt Erfahrung und ist identisch mit dem lateinischen experientia. Seine Haltung ist skeptisch und antirationalistisch. Er teilt die Philosophen in drei Klassen ein: 1. die Dogmatiker, welche behaupten, die Wahrheit zu kennen, 2. die Akademiker, welche die absolute Unerkennbarkeit der Wahrheit annehmen und 3. die Skeptiker, seine eigene Schule, die, das Wesen der Dinge betreffend, nichts entscheiden. Sie ziehen es um der Erhaltung der Ataraxie oder Gemütsruhe willen vor, sich des Urteils über reale Sachverhalte zu enthalten, da sie die grundsätzliche Ungewißheit unseres Erkennens ernst nehmen. Sie nennen diesen Verzicht, auf den sie sich nicht wenig zugute taten, êpocÇ (epochê) und begründen ihn auch damit, daß sie sagen, unser logisches Schlußverfahren sei immer nur ein Zirkelschluß, was z.B. mit folgendem Syllogismus illustriert wird:

Mensch, Pferd und Maulesel sind langlebig

Mensch, Pferd und Maulesel sind gallenlos

Also sind gallenlose Tiere langlebig.

Natürlich ist dieses Beispiel kein Wahrheitsbeweis, sondern eine leicht erkennbare petitio principii. Sextus Empiricus nimmt sie zum Anlaß, alle aristotelischen Schlußfiguren zu kritisieren, indem er sagt, daß der Obersatz, auf den sich die Konklusion stützt, immer schon die Wahrheit der Folgerung voraussetze. Deshalb gibt er der Erfahrung [êmpei®ía], oder besser dem Erlebnis, den entschiedenen Vorzug vor der Logik. Die Ärzte müssen, besonders wenn sie philosophisch geschult sind, wohl neidlos zugeben, daß in der Medizin die Erfahrung wertvoller und wichtiger ist als die Logik. Jedenfalls waren es ärztliche Erfahrungen, die zur Entdeckung der Phänomenologie des Unbewußten führten, und wenn sich Forscher wie Freud und Jung rein rationalistisch eingestellt hätten, so wären wir uns des Unbewußten wohl noch heute "unbewußt". Mit der Abkehr vom reinen Rationalismus war aber bei den beiden "Pionieren des Unbewußten" auch ein ungewöhnliches Maß von moralischem Mut verbunden, was als Bedingung zu jedem verantwortungsbewußten Forscher gehört; denn was sie zunächst entdeckten, waren lauter Dinge, die unbequem, anstößig und verpönt sind; endlich glücklich Vergessenes, oder Verdrängtes, das unserer wohlgemeinten Erziehung zum Opfer gefallen war. Insbesondere Freuds Entdeckungen wurden somit in der Weise peinlich, die Wilhelm Busch meint:

Wenn über eine alte Wunde

Mal endlich Gras gewachsen ist,

Kommt sicher ein Kamel gelaufen,

Das alles wieder runter frißt.

Wie bekannt, hat Jung das Unbewußte in einem sehr viel weiteren Sinne verstanden als Freud. Nicht nur soll es die Vorstufe und der Mutterboden des Bewußtseins sein, sondern es bleibt im wesentlichen unergründlich wie die Seele überhaupt: "Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, auch wenn du gehst und jede Straße abwanderst, so tief ist ihr Sinn." (Heraklit, fr. 45) In einer Diskussion prägte Jung einmal das Bonmot: "Das Aufregende am Unbewußten ist gerade, daß es wirklich unbewußt ist." So faßt er denn auch den Ausdruck "das Unbewußte" nicht definitorisch, sondern als Negation, d.h. als das, was nicht bewußt ist. Es ist somit zunächst ein "Grenzbegriff" im Sinne von Kant und "nur von negativem Gebrauche". Denn Kants Definition des Grenzbegriffs paßt offenbar nicht schlecht zum obigen Ausspruch Jungs "Ein Begriff, der die Ansprüche der Sinnlichkeit begrenzt und der zugleich bis zur Grenze unseres Erkennens führt, indem er etwas denkend setzt, ohne es positiv bestimmen zu können." Dieses "gesetzte Etwas" ist ein Transzendentes, nämlich das "Noumenon" oder auch "Ding an sich". Doch mögen sich hierum die Philosophen bemühen - uns Ärzten bleibt, wie gesagt, die Erfahrung. Jedoch können auch wir nicht das Unbewußte als solches erfahren, was eine contradictio in adiecto wäre, sondern nur seine Wirkungen. Wir müssen uns also hier damit begnügen, einige Beispiele von solchen Wirkungen zu besprechen, die sich mit dem Zutun des Bewußtseins allein nicht erklären lassen, einem also sozusagen "passieren".

Es ist charakteristisch für die allgemeine menschliche Einstellung, daß diese Erscheinungen zunächst in ihrer negativen Form Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses geworden sind, d.h. als Störungen des normalen Funktionierens der Psyche. Es waren wiederum die Ärzte und im besonderen die Psychiater, die sie beobachteten. Die psychotischen Störungen stellen nämlich im wesentlichen bizarre Vergrößerungen von lapsus dar, die im täglichen Leben des gesunden Menschen vorkommen. Daß auch der "gesunde Menschenverstand" dieser Auffassung ist, zeigte sich mir in dem folgenden Erlebnis: Ich hatte einmal einen Zürcher Magistraten, der seinerzeit Schlossermeister gewesen war, durch die psychiatrische Universitätsklinik zu führen, wobei ich mich bemühte, ihm einige der schwersten Fälle zu demonstrieren. Am Schluß der Visite fragte ich ihn nach seinem Eindruck, worauf er prompt antwortete: "Das ist eine konzentrierte Sammlung von Zürcher Käuzen."

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