Daimon Verlag

Das Leben malt seine eigene Wahrheit
von
Susan Bach

Leseprobe

TEIL I. Einige Richtlinien für das Studium spontaner Bilder

1. Kapitel

Über die verschiedenen Farben des Wassers - Eine Einführung

Zu Beginn wollen wir uns einem der Grundelemente des Lebens zuwenden: dem Wasser. In dem lebensfrohen Aquarell des impressionistischen Malers John Singer Sargent (1856 - 1925) "Ein Morgenspaziergang" (Abb. 3) ist das Wasser blau, und das ist es normalerweise auch für ein gesundes Kind. Natürlich müssen das Alter, die Umgebung und das Zeichenmaterial für unsere Arbeit immer mitberücksichtigt werden.

Wir kommen nun zu den Bildern einzelner Patienten:

Abb. 4 und 5: Frau G., 67 Jahre, Blasenkarzinom, NC, "Haus mit Dorfbrunnen" und "Haus mit Bäumen".

Eines Tages versuchten HPW und ich, Frau G. dazu zu bringen, uns etwas zu malen. Sie lag auf der Röntgentherapiestation, eine heitere, gelassene ältere Dame, die sich anscheinend mit ihrem Leben und ihrer Krankheit abgefunden zu haben schien. Zuerst vergewisserte sie sich, daß wir uns nicht über sie lustig machten und daß ihre Enkelkinder sie nicht auslachen würden. Ich erwiderte, daß ich selbst auch nicht malen könne, aber manchmal vor mich hinzeichne. Als sie schließlich einwilligte, wußte sie nicht, was sie malen sollte. HPW hatte unterdessen unsere Malunterlage mit daran befestigtem Papier und Malstiften auf ihr Bett gelegt und wir fragten sie, woran sie am meisten dächte: an ihr geliebtes Haus, an dem sie sehr hing. Aus der vollen Malstiftschachtel nahm sie einen hellblauen Stift, die Farbe des Himmels, der Ferne. Sie malte das ganze Bild damit: das Haus mit seinem schrägen Schornstein, den kurzen Weg, der nach links unten führt, den Brunnen, der kaum den ebenfalls blauen Boden berührt und in der äußeren Wirklichkeit auf dem Dorfplatz steht. Das Wasser fließt über den Rand: könnte es das Wasser des Lebens sein und vielleicht auch den Zustand ihres Harnsystems reflektieren?

Der Mensch wie auch der Wissenschaftler in mir sträubte sich gegen die aufkommende Vermutung, die ihre Farbwahl bei mir erweckte - der ausschließliche Gebrauch von Himmelblau kennzeichnet häufig die Bilder von Sterbenden. Ich war daher versucht, ihre Farb- und Objektwahl zu beeinflussen, und fragte sie, ob es denn zu Hause keine Bäume gebe? O doch, erwiderte sie, hinter dem Haus stünden wunderschöne Bäume. Mit HPWs Hilfe malte sie ein neues Bild. Ich bot ihr einen dunkelbraunen und einen laubgrünen Stift für die Bäume an, aber sie sagte: "Ach nein, dieser hier gefällt mir sehr gut". Und so wurden die Lindenbäume und das Haus wiederum hellblau gemalt.

Als HPW sich später nach ihr erkundigte, hörte er, sie sei früher als erwartet an einem Blasenkarzinom gestorben, wenige Wochen, nachdem sie die Bilder gemalt hatte (das ausfließende Wasser). Wir wußten zu dem Zeitpunkt, daß sie zwar krank gewesen war, aber gut auf die Behandlung angesprochen hatte.

Abb. 6: Urs, >, 7‰ Jahre, myeloblastische Leukämie, KiSpi, "Die Blume wird mit rotem Wasser begossen".

Warum ist das Wasser in den folgenden Bildern rot? Auf einem welligen dunkelgrünen Grund steht ein kleiner Mann. Körper und Kopf sind blau umrandet, der Körper ist zudem ganz mit Rot ausgefüllt. Das Männchen hält einen roten Schlauch, der direkt an einem Hydranten befestigt ist, und begießt eine rote Blume mit acht Blütenblättern (Urs' Alter) auf einem blaßgrünen Stiel, die fast so groß ist wie die kleine Gestalt selbst. Die goldene Sonne, deren Mund, Nase und Augen ebenfalls rot sind (wie das Wasser) scheint freundlich in die Welt.

Abb. 7: Urs, "Ein kleiner Mann trägt rotes Wasser zum Haus".

Im zweiten Bild sehen wir einen Hydranten, diesmal mit einem Hahn, aus dem rotes Wasser in einen Brunnen tropft, der mit länglichen roten Tropfen (Korpuskeln) gefüllt ist. Offensichtlich ist genug "Wasser" vorhanden, denn ein Mann (mit blauem Gesicht und grünem Hut, rot umrandet) trägt einen Eimer zum Haus, der zu Dreivierteln mit roter Flüssigkeit gefüllt ist. Wir fragen uns, warum das Wasser rot ist. Die Antwort finden wir in der Krankengeschichte: Urs wurde mit akuter myeloblastischer Leukämie ins KiSpi eingeliefert und bekam zwei Bluttransfusionen, die ihm das Leben retteten. (Sein Hämoglobinspiegel stieg von 4.9g auf 9.9g per 100 ml). Er wurde wieder ganz gesund und begann ungefähr sechs Jahre später, im Alter von vierzehn Jahren, eine Lehre in einem Haushaltswarengeschäft. (Siehe Kap. 21: Gesundende Kinder).

Abb. 8: Peter, "Peter bekämpft das Feuer".

Ähnlich merkwürdig ist das mauvefarbene Wasser im Bild (Abb. 8) eines anderen Knaben, Peter, der hilft, das Feuer in seinem Doppelhaus zu löschen. Er bemerkte dazu, daß "die Kinder weinen, weil sie wissen, daß sie ihr Haus verlieren". Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Farbe Mauve in den Bildern krebskranker Patienten (im Zusammenhang mit anderen Bildzeichen) oft auf die Ausbreitung von Metastasen hinweist. Wir wissen von Peters Geschichte, (Siehe Kap. 4: Peters Geschichte), daß gezielte medizinische Behandlung ihm noch fast ein Jahr normalen Lebens gab und daß er zweieinhalb Jahre später an seinen Metastasen starb.

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