Daimon Verlag

Das Leben malt seine eigene Wahrheit
von
Susan Bach

Vorwort

Vorwort:
Eine Entdeckungsreise

Die vorliegende Arbeit hat mich durch viele Jahre meines Lebens begleitet, und mit jeder nächsten Phase eröffneten sich neue Erkenntnisse und Entdeckungen. Bilder, die ich vor Jahrzehnten studiert hatte, ließen bei späterem Betrachten neue Aspekte erkennen. Im Zusammenhang mit wachsender Einsicht reflektiert dieses Buch meine eigene Reise durch diese Jahre meines Lebens.

Als ich die Auswahl des Bildmaterials bedachte, hätte ich leicht ein einziges Bild wählen können, an dem ich alle Gesichtspunkte der Interpretation aufzeigen konnte, die für eine wissenschaftliche Auswertung notwendig sind. Da dieses Buch aber zugleich auch ein Leitbuch sein soll, gab ich diesen Gedanken auf, weil mich selbst schon die Konzentration und Dichte der Interpretation überfordert hätte.

So teilte ich also den Lehrteil, die "Richtlinien", in Abschnitte auf, die jeweils einen wesentlichen Aspekt des "Lesens" und "Übersetzens" solchen Materials illustrieren würden. Dies erforderte oft eine scheinbare Wiederholung derselben Bilder und Texte. Es zeigt aber auch, beinahe überwältigend, die Vielfalt der Bildgehalte die in diesen spontanen Zeichnungen aus den Tiefen der menschlichen Seele aufsteigen. Auch mag es dem Leser helfen, wenn er sich nur auf ein einzelnes Kapitel konzentriert.

Es war auch recht schwierig, die verschiedenen Aspekte eines Bildes nicht zu wiederholen, sondern Verbindungen herzustellen, einerseits zwischen seiner inneren Bedeutung und andererseits die Gesamtstruktur des Buches im Auge zu behalten. Dies wird, hoffe ich, erklären, warum wir in diesem Buch so oft auf ein Bild zurückkommen, das wir schon gut zu kennen meinten, und dann eröffnet sich zu unserem Erstaunen doch noch eine neue Perspektive.

Das klinische Interesse an spontanen Bildern von Patienten reicht zurück bis zum Anfang dieses Jahrhunderts. Die ersten Berichte über ihre klinische Auswertung (Morgenthaler 1901, Mohr 1906) suchten charakteristische Formen mit spezifischen Typen von Geisteskrankheiten in Beziehung zu setzen. Prinzhorn (1922) mußte die Hoffnung, seine berühmte Heidelberger Sammlung klinisch zu gebrauchen, aufgeben, als er entdeckte, daß in den Bildserien von Kindern und sogenannten Primitiven ähnliche Motive, Farben usw. erscheinen. Erst Freuds Entdeckung eines unterbewußten Bereiches legte den Grundstein für eine mögliche Deutung. Aber es war C.G. Jungs Entdeckung, daß allgemeingültige Symbole in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte und in Kulturen, die sonst in keiner Verbindung zueinander stehen, immer wieder auftauchen: er nannte dieses Phänomen das kollektive Unbewußte. Hierdurch eröffnete sich auch ein frischer Zugang und ein neues Verständnis für die wissenschaftliche Auswertung der Gehalte solcher Bilderserien.

Mein eigenes Interesse für die Sammlung von Kinderzeichnungen begann, als ich mit dieser Einsicht Jungs aus den Kritzeleien eines entwurzelten neunjährigen Mädchens auf einem Löschblatt seinen verzweiflungsvollen inneren Zustand begriff und dem jungen Wesen helfen konnte, sich glücklicher und gesunder zu entwickeln. So begann meine Sammlung mit aus dem Papierkorb gefischten verklecksten Löschblättern.

Inzwischen ist es beinahe selbstverständlich geworden, den Gebrauch und den Wert von sogenannten Kritzeleien und Spontanbildern in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie anzuerkennen.

Mein therapeutisches Interesse für spontanes Malen und Zeichnen begann in England in meiner Privatpraxis als Jungianische Analytikerin und dehnte sich bald auf die breitere Ebene psychiatrischer Kliniken in England aus. Ermutigt von der Begeisterung meiner Kollegen am Netherne Hospital in Coulsdon, kam eine planmäßige therapeutische Malgruppe zustande. Nachdem auch andere Nervenanstalten ihre eigenen Malgruppen eingerichtet hatten, wurde unter der Leitung des St. Bernard's Hospital, Southall, London, eine Arbeitsgruppe gegründet, die ich über drei Jahre lang leitete. Die Forschungsgruppe setzte sich zusammen aus Psychiatern, Psychotherapeuten verschiedener Richtungen, Pflegepersonal und klinischen Zeichnern aus zehn psychiatrischen Kliniken. Von Anfang an benutzten wir standardisierte Farben und Papiergrößen, um einen Vergleich des Materials zu ermöglichen. Uns wurden nur das Alter und Geschlecht der Patienten, gegebenenfalls auch Farbenblindheit, mitgeteilt. Im Verlauf unserer Untersuchungen stellten wir fest, daß sich spezifische Typen von Geisteskrankheiten in bestimmten wiederkehrenden Farben, Symbolen und Motiven spiegelten. Es war erfreulich und ermutigend zu sehen, daß wir einen echten Beitrag leisten konnten, z.B. bei der Entlassung von Patienten, wenn es galt, verborgene tiefliegende suizidale oder homizidale Tendenzen aufzudecken, oder frühzeitige Anzeichen einer beginnenden Depression, eine neue Phase bei Schizophrenen oder bei der Entscheidung für eine Leukotomieoperation, und zwar durch die prognostische Auswertung der repressivsten Energiegehalte und latenten Tendenzen, die in den Bildern ausgedrückt sind.

Unerwartet und zum ersten Mal sah ich im Jahre 1947 in der Bilderfolge einer chronisch geisteskranken Patientin, seit acht Jahren Insassin der Anstalt, daß sich nicht nur ihr seelischer und geistiger Zustand in den Bildern spiegelten, sondern auch ihr körperlicher. Meine plötzliche Erkenntnis, daß in ihren Zeichnungen psychologische und somatische Aspekte enthalten waren und zueinander in Beziehung standen, führte zu einer erneuten Diagnose und zu der entsprechenden psychoanalytischen Behandlung innerhalb des Hospitals. Nach acht Monaten konnte sie ohne die geplante irreversible Operation aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Nachkontrollen im Laufe der folgenden Jahre zeigten eine Besserung ihres Zustandes ohne Rückfälle.

Auf der Suche nach weiteren Beispielen für den organischen Aspekt in spontanen Bildern nahm ich eine Einladung von Professor C.A. Meier an, dem bedeutenden Analytiker und Psychiater und Jungs Nachfolger an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, am dortigen C.G. Jung Institut eine Reihe von Vorlesungen über unsere Arbeit in England zu halten, besonders über meine Entdeckung des organischen Aspekts in spontanen Bildern. In diesem Zusammenhang wurde ich auch aufgefordert, einen Vortrag am Burghölzli zu halten, dem Psychiatrischen Universitätskrankenhaus. Erstaunlicherweise fand ich dort das Material, das ich so dringend brauchte. Hans Peter Weber (im folgenden als HPW bezeichnet), der klinische Zeichner der Neurochirurgischen Universitätsklinik Zürich, hatte eine Sammlung Hunderter von Bildern zusammengestellt, welche die kleinen Patienten zum Zeitvertreib gemacht hatten. So begann meine jahrzehntelange Forschungsarbeit an der Neurochirurgischen Universitätsklinik Zürich, unter der Leitung von Professor H. Krayenbühl, mit der kritischen und hilfreichen Unterstützung von Professor Gerhard Weber und HPWs unermüdlicher und begeisterter Arbeit mit den Krankenhauspatienten, Erwachsenen wie Kindern. Die Neurologische Klinik wird im folgenden als NC bezeichnet.

Das Material war ideal für meine Forschungsarbeit. Die Bilder stammten von Patienten, die hauptsächlich an organischen Krankheiten litten, in den meisten Fällen klinisch diagnostiziert. Die präzisen Krankengeschichten ermöglichten eine objektive Nachprüfung. Die Bilder, auch in meiner späteren Arbeit, wurden alle ohne äußeren Zweck und ohne Anweisung angefertigt, und ihre Auswertung erfolgte ohne die Kenntnis der Krankengeschichten. Dieses Material, oft Jahre vor unserem Projekt entstanden, ist daher ein objektives und bleibendes Zeugnis.

Mehr als dreißig Jahre Forschungsarbeit haben gezeigt, daß das "Lesen" und das "Übersetzen" spontaner Zeichnungen einen Beitrag zur Diagnose, Therapie und Frühprognose geben können. Das Studium der Bilder wurde aber auch zu einem Verständigungsmittel zwischen Arzt, Patient und dessen Familie - zu einer wichtigen Brücke der Beziehung zueinander.

Im Jahre 1966 veröffentlichten wir meine Monografie "Spontanes Malen schwerkranker Patienten. Ein Beitrag zur psycho-somatischen Medizin", Documenta Geigy Nr. 8, Acta Psychosomatica (Englische Ausgabe 1969). Aufgrund der Zuverlässigkeit unserer Beobachtungen und Schlußfolgerungen konnte ich die Arbeit in den Dienst der weltweiten Suche nach den Ursachen und der Behandlung von Leukämie stellen. Dies führte mich an das Kinderspital der Universität Zürich.

Von nun an konzentrierten wir uns hauptsächlich auf die Zeichnungen schwerkranker Kinder, denn Kinder malen und zeichnen enorm gern. Sie haben meist nicht die Hemmungen zu überwinden, mit denen Erwachsene oft kämpfen. Andererseits haben Kinder ebenso wie Erwachsene oft einen größeren Drang zu malen, je mehr ihr Leben bedroht ist, aber natürlich nur, wenn sie körperlich dazu fähig sind. Es scheint, als ob unter dem Druck einer Krise, etwa wenn es um Leben und Tod geht, bislang ungenützte Kräfte aktiviert werden und zum Ausdruck kommen.

Im Jahre 1968 wurde unter dem Vorsitz von Professor Dr. W.H. Hitzig von der Hämatologischen Abteilung am Kinderspital der Universität Zürich (Direktor: Professor Dr. A. Prader) und unter meiner Führung eine Forschungsgruppe gebildet, um besonders die somatischen Aspekte in den spontanen Zeichnungen leukämiekranker Kinder zu erforschen. So kam das Projekt "Weißes Kind" zustande. Von Anfang an folgten wir den gleichen Bedingungen wie an der NC, um eine wissenschaftliche Interpretation und Auswertung zu ermöglichen. Unsere Arbeit bestätigte in jeder Beziehung die grundsätzlichen Ergebnisse unserer Forschung an der NC. (Das Kinderspital der Universität Zürich wird im folgenden als KiSpi bezeichnet).

Zu Anfang der achtziger Jahre konnte dank dem tiefen Interesse Professor Shmerlings vom KiSpi unsere spezifische Arbeitsweise auf ein weiteres Gebiet ausgedehnt werden: die bisher unheilbare zystische Fibrose. Wiederum zeigte das Bildmaterial auf erstaunliche Weise den physischen wie auch den psychischen Zustand des kranken Kindes.

Die Ergebnisse unserer Forschungsarbeit regten andere Krankenhäuser und Forscher weltweit zur Anwendung unserer Arbeitsweise auf verschiedene Typen schwerer Krankheiten an.

Nach Jahrzehnten des Sammelns, Sichtens und Auswertens spontaner Bilder stellte ich mit großer Verwunderung fest, daß die wesentlichen Beobachtungen und Einsichten über den ganzen Menschen, seinen Körper, seinen Geist und seine Seele auch außerhalb des klinischen Bereiches zutreffen, in unseren eigenen täglichen Lebenssituationen, wie auch in Werken der Kunst.

In all den Jahren meiner Forschung wurde mir ein merkwürdiges Phänomen immer mehr erkennbar: das Phänomen der vorausweisenden Zeichen. Sobald wir den Mut hatten, dies zu akzeptieren, fanden ich, meine Mitarbeiter und Freunde es fast im gesamten Bildmaterial und realisierten, daß es sich sogar in unseren eigenen persönlichen Erfahrungen manifestierte.

Wir verweisen den Leser nun auf das Buch selbst und besonders auf das Inhaltsverzeichnis, aus dem seine Struktur hervorgeht. Teil I dient als Richtlinie zur praktischen, systematischen Arbeit mit spontanen Bildern. Teil II zeigt, wie solche Bilder ausgewertet werden können und wie man den Patienten mit Hilfe seiner Zeichnung erreichen und besser begreifen kann. Teil III enthält Amplifikationen und Reflektionen über das Thema der spontanen Zeichnungen in ihren mannigfachen Aspekten und bedenkt insbesondere das erstaunliche Phänomen der vorausweisenden Zeichen.

Das Buch schließt mit einem Kapitel, das wieder auf die zentrale Frage zurückkommt: die Beziehung zwischen Psyche und Soma. Hier wurde mir das Bild der Ellipse mit seinen zwei Brennpunkten und seiner mathematischen Präzision zu einem hilfreichen Symbol, das scheinbar gegensätzliche und unvereinbare Kräfte umfaßt und vereinigt - ja sogar Leben und Tod.

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