Daimon Verlag

FIS, Schätzchen!
von
Erna Ronca

Leseprobe

Einleitung

Dieses Buch hat Klavierstunden zum Thema.

Klavierstunden haben Musik zum Thema.

Musik ist - behaupte ich - ein Grundnahrungsmittel.

Wer hat schon einmal darüber nachgedacht, wieviele Menschen im Laufe ihres Lebens Klavierunterricht genossen haben? Und darüber, ob dabei tatsächlich von einem Genuss gesprochen werden darf? Von einem Musikgenuss?

Vielleicht haben Sie Lust auf ein Experiment. Veranstalten Sie in Ihrem Bekanntenkreis eine kleine Umfrage: Wer hat früher einmal Klavierunterricht gehabt? Wer von den Betroffenen kann sich daran erinnern und wie genau? Was löst das Stichwort "Klavierstunde" in ihnen aus, was steigt auf an Bildern, Stimmungen, Gedanken und Gefühlen? Lassen Sie sich nicht abspeisen mit ausweichenden Harmlosigkeiten ("Ach Klavier: das war einmal!" oder "Mein Gott, ich galt sogar als vielversprechend!" oder "Vergebliche Liebesmüh!"). Fassen Sie nach, forschen Sie nach detaillierten Erinnerungen, nach Mobiliar (das Klavier in seiner Eigenschaft als Möbelstück...), nach Gerüchen, Farben und Lichtverhältnissen, nach Klavierheften und Musikstücken, nach Klavierlehrerinnen und Klavierlehrern. Wie sahen sie aus, wie gingen sie, sprachen sie, wie waren sie gekleidet? Welche Atmosphäre verbreiteten sie?

Sie werden wahrscheinlich erstaunliche Dinge zu hören bekommen, heitere, düstere, skurrile, empörende, tröstliche und vielleicht reizt es Sie, etwas tiefer nachzudenken über das Phänomen "Klavierstunde".

Wer weiss, womöglich

- haben Sie selber einmal Klavier gespielt und spielen immer noch. Oder Sie haben einmal Klavier gespielt und spielen nicht mehr;

- haben Sie Kinder, die Klavier spielen oder spielen möchten, oder Kinder, von denen Sie möchten, dass sie spielen;

- tragen Sie sich mit dem Gedanken, Klavierstunden zu nehmen;

- unterrichten Sie Klavier.

Millionen von Menschen nahmen früher einmal oder nehmen heute Klavierunterricht. Ist es nicht sonderbar, dass die Diskussion darüber, wie dieser Unterricht zu gestalten sei, was er zu vermitteln habe, kurz, wozu er gut sein soll, fast ausschliesslich in Fachkreisen geführt wird? Die Betroffenen werden kaum nach ihrer Meinung gefragt, und wenn, dann halten sie sich auffällig zurück und überlassen das Feld ohne grosses Überlegen den sogenannten Fachleuten. Darunter haben aber am Schluss alle zu leiden, die Betroffenen, weil viele von ihren Erfahrungen nicht berücksichtigt werden, die Fachleute, weil ihnen ein reicher Erfahrungsschatz verschlossen bleibt, und alle zusammen, weil ein fruchtbarer Austausch ausbleibt.

Wobei zu den sogenannten Fachleuten noch etwas anzumerken wäre: Jeder Mensch, der einmal in seinem Leben Klavierunterricht hatte, ist schon ein Stück weit "Experte", so wie wir alle, die wir einmal Kinder waren, in gewisser Hinsicht Experten in Kinderdingen sind. Wir sind es in unterschiedlichem Masse, je nachdem, ob wir als Erwachsene noch Zugang haben zu unserer eigenen Kindheit und ob und wie wir uns mit ihr auseinandergesetzt haben.

Was will dieses Buch?

Dieses Buch soll eine Doppelaufgabe erfüllen: Erinnerungen ans Tageslicht heben und zum Nachdenken anregen.

Gegliedert ist es in einen Geschichtenteil und einen Begleittext.

Der Geschichtenteil besteht aus den authentischen Berichten von sechs Menschen, drei Frauen und drei Männern unterschiedlicher Herkunft, die mir vor laufendem Tonband ihre Erinnerungen an die Klavierstunden ihrer Kindheit erzählten.

Der Begleittext besteht aus Gedanken, Beobachtungen und Fragestellungen, die ich zusammengetragen und zwischen die einzelnen Geschichten geschoben habe.

Damit Sie bei der Lektüre immer wissen, womit Sie es gerade zu tun haben - ob mit einer Geschichte oder meinem Begleittext dazu - wurde letzterer mit einer Seitenlinie versehen.

Klavier-Erinnerungen fördern meist sehr viel Ambivalenz zutage, und es ist mir wichtig, das ganze Spektrum von oft widersprüchlichen Gefühlen und Ansichten aufzuzeigen. Allfälligen terribles simplificateurs, terribles simplificatrices wird deshalb von der Lektüre dieses Buches abgeraten.

Ein paar Erläuterungen zum Begleittext

Viele der Themen, die in den Klaviergeschichten anklingen, sprechen für sich selbst. Da ich seit Kindheit eine Abneigung gegen Leute habe, die einem mit Eifer Dinge zu erklären suchen, die man mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, mit dem eigenen Verstand begriffen und mit dem eigenen Herzen gefühlt hat, halte ich mich mit Kommentaren zurück.

Einige Themen sind allzu komplex und/oder brisant: darauf einzugehen würde den Rahmen dieses Buches sprengen.

Meine Gedanken sind nicht als abschliessende Meinungen zu verstehen, sondern als Anregungen zum Nachdenken. Oft sind es Assoziationen aus dem "anderen Lager", das heisst aus der Sicht einer Musikerin, die sich mit musikpädagogischen Fragen beschäftigt.

Wie die sechs Klaviergeschichten entstanden sind

Was ich Ihnen auf der ersten Seite als kleines Experiment vorgeschlagen habe, betreibe ich selber schon seit Jahrzehnten: Ich befrage Leute, die mir über den Weg laufen, nach ihren Erinnerungen an allfällige Klavierstunden. Dabei mag eine gewisse déformation professionnelle mitspielen, schliesslich schlage ich mich tagtäglich mit der Frage herum: "Was läuft eigentlich in Klavierstunden ab, und was bleibt davon hängen?"

Vor etwa zehn Jahren beschloss ich, diese Fragerei etwas systematischer zu betreiben: Ich begann, die verschiedensten Leute zu mir nach Hause einzuladen, um sie vor ein eingeschaltetes Aufnahmegerät (deklariert, versteht sich!) zu setzen und sie gezielt zu befragen nach allem, was ihr Gedächtnis herzugeben bereit war im Zusammenhang mit dem Klavier ihrer Kindheit.

Dabei wurde ich häufig mit einer merkwürdigen Anfangsschwierigkeit konfrontiert: Viele der Befragten schienen - obwohl sie sich spontan bereit erklärt hatten, meiner Einladung Folge zu leisten - zu Beginn der Gespräche ihren eigenen Klavier-Erfahrungen kaum Bedeutung beizumessen ("Wen soll das gross interessieren..."). Erst meine Anteilnahme, oft auch mein Status als "Expertin" oder mein Hinweis, diese Erinnerungen könnten meinen Studentinnen und Studenten am Konservatorium als Anschauungsmaterial dienen und damit Generationen von zukünftigen Klavierschülerinnen und -schülern zugute kommen, ermutigte sie, sich darauf einzulassen ("Wenn du meinst...").

Oft kam ich mir vor wie eine Antiquitätensammlerin, die einen Menschen, von dem sie vermutet, im Besitze wertvoller Raritäten zu sein, mit einer Mischung aus Takt und Insistenz dazu überredet, gemeinsam mit ihr auf den Dachboden zu steigen, um längst Vergessenes, achtlos Weggestelltes zu besichtigen und zu begutachten.

Bei den meisten dieser Dachbodenexpeditionen verflog die anfängliche Skepsis schnell und machte stetig steigendem Entdeckerfieber Platz: Schachteln wurden aufgerissen, Abdecktücher weggezogen, Gegenstände angeschleppt - "Guck mal, was ich gefunden habe!" - und wir betrachteten sie gemeinsam, mit Rührung, Respekt, Gruseln, Freude oder Trauer.

Diese Gegenstände der Erinnerung übertrafen in ihrer Vielfalt, Farbigkeit und Präzision meine kühnsten Erwartungen, und nachdem ich ein paar Dutzend Interviews im Kasten hatte, wurde mir klar, dass ich da etwas zusammengetragen hatte, was auch andere interessieren könnte.

Ich beschloss, in einem ersten Arbeitsschritt Transkripte von einigen Interviews anzufertigen, was bedeutete, dass ich unter den vielen Geschichten eine Auswahl zu treffen hatte.

Die Interviews, die ich gesammelt hatte, deckten ein breites Spektrum ab, denn ich war an jedem Menschen interessiert, der bereit war, mir seine Klaviergeschichte zu erzählen, sofern drei Grundvoraussetzungen erfüllt waren:

- Er oder sie sollte aus dem deutschen Sprachraum kommen, weil ich da die Verhältnisse am besten kenne und ein Minimum an Vergleichbarkeit erreichen wollte. Dass die meisten Interviews mit Schweizerinnen und Schweizern durchgeführt wurden, geschah aus naheliegenden praktischen Gründen.

Mir war bewusst, dass eine Sammlung mit Geschichten aus anderen geographischen oder kulturellen Gebieten anders beschaffen wäre. Als Anregung, über Klavierunterricht nachzudenken, schien mir aber auch eine lokal beschränkte Sammlung ihre Berechtigung zu haben.

- Er oder sie sollte bei keinem meiner eigenen Lehrer, bei keiner meiner eigenen Lehrerinnen Unterricht gehabt haben; denn dann hätte ich mich bei der Befragung nicht frei genug gefühlt.

- Er oder sie sollte nicht bei mir selber Unterricht gehabt haben - wer weiss, wie frei wir uns beide bei dem Interview gefühlt hätten!

Aus der so zustandegekommenen Sammlung eine wie auch immer geartete Auswahl zu treffen, fiel mir ausgesprochen schwer, denn jede Geschichte war mir ans Herz gewachsen, jede war in sich so facettenreich, dass mir Auswählen wie eine unerträgliche Vereinfachung erschien: eine Geschichte aussuchen hiess immer auch, auf ein paar andere ebenso aussagekräftige, rührende, bewegende, lustige, empörende zu verzichten, und ich musste einsehen, dass ich mit jeder Auswahl zufrieden und unzufrieden zugleich sein würde.

Der Auswahl legte ich aber bestimmte Kriterien zugrunde, von denen ich die wichtigsten hier darlegen möchte:

- Die Erzählung musste ein Mindestmass an verbaler Ausdrucksfähigkeit aufweisen. Zahlreiche Interviews hatten hauptsächlich im Nonverbalen stattgefunden, im Stocken, Seufzen, Stottern, Verstummen: Leider waren sie aufgrund einer gewissen Sprachlosigkeit für ein Buch ungeeignet, obwohl viele davon mich tief berührt haben.

- Mir lag daran, Leute verschiedener sozialer Herkunft, Leute mit unterschiedlichen Beziehungen zur Musik zu Wort kommen zu lassen. Dass die Mehrzahl von ihnen aus bürgerlichem Milieu stammte, scheint mir im Zusammenhang mit dem Klavier, diesem ganz und gar bürgerlichen Requisit, kein Zufall zu sein. Bei späteren Generationen würde die Verteilung möglicherweise anders aussehen. Es ist zumindest zu hoffen.

- Aus erzähltechnischen Gründen wählte ich Geschichten mit einem Mindestmass an Kontinuität (also beispielsweise wenige Orts-, Schul- oder Lehrerwechsel etc.).

- Die Privatsphäre der Gesprächspartnerinnen und -partner musste gewährleistet sein: Einige der Interviews - zum Teil mit prominenten Leuten - hätten sich nicht wiedergeben lassen, ohne dass die betreffenden Personen erkennbar würden.

Das Anfertigen der Transkripte, Wort für Wort, erwies sich als äusserst mühsame Angelegenheit. Meine mangelnde Routine im Maschinenschreiben hatte allerdings einen ganz bestimmten Vorteil: Ich war gezwungen, tage-, ja wochenlang mit dem Kopfhörer dazusitzen und die Tonbänder stückchenweise schier endlos rückwärts und vorwärts zu spulen, bis der Text endlich auf dem Papier stand. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich mir die kleinste Nuance im Tonfall, jedes Räuspern, Kichern, Seufzen, Stocken eingeprägt, so dass ich das Gefühl hatte, richtiggehend in die Haut meines jeweiligen Gesprächspartners, meiner Gesprächspartnerin geschlüpft zu sein.

Mit dem Transkribieren war allerdings erst ein kleiner Teil der Arbeit getan, denn in ihrem Rohzustand waren die Interviews einer allfälligen Leserschaft schlicht unzumutbar. Da ich die Gespräche jeweils bewusst an einer langen Leine geführt hatte - schliesslich war mir ja an einer entspannten, dem Erinnern dienlichen Atmosphäre gelegen -, wirkten sie auf dem Papier eigenartig kraus. Beim Bemühen, etwas Ordnung in das Ganze zu bringen, erwies sich die oben erwähnte Intimkenntnis meiner Gesprächspartnerinnen und -partner eher als Nachteil, denn ich hatte grossen Respekt vor der kleinsten Äusserung - auch vor dem Erinnerungsprozess an sich - und ebenso grosse Hemmungen, in die Geschichten einzugreifen.

Erst nachdem ich die Transkripte für eine Weile zur Seite gelegt hatte, wurde mir klar, wie ich vorzugehen hatte. Ich musste die Geschichten nacherzählen und mich dabei von ein paar grundsätzlichen Überlegungen leiten lassen, die ich hier unter vier Stichworten skizzieren möchte, nämlich Sprache, Komposition, Authentizität und Einsichten.

Zur Sprache: Die Sprechsprache, das parlando, wollte ich auf keinen Fall opfern, denn jede Geschichte hatte ihre eigene, unverwechselbare Atmosphäre, welche meiner Meinung nach eng mit der Sprache (gelegentlich auch mit der Sprachlosigkeit) des jeweiligen Erzählers, der jeweiligen Erzählerin zusammenhing. Dennoch musste ich Kompromisse schliessen - zum Beispiel zwischen dem Anspruch meiner Leserschaft auf ein Minimum an Sprachfluss und der "lebensnahen" Holprigkeit der Schweizer Mundart -, und Rücksichten nehmen, denn gewisse Sprachmarotten der Erzählerinnen und Erzähler erwiesen sich beim Lesen als ausgesprochen ermüdend und irritierend (die Frage stellte sich, wieviele "super", "geil", "grauenhaft" etc. pro Seite gerade noch erträglich wären). Sicher nimmt sich auch so noch das eine oder andere locker Hingesprochene etwas seltsam aus auf dem Papier, doch liegt mir daran, meine Leserinnen und Leser möglichst unmittelbar an den Gesprächen teilnehmen zu lassen. Ich hatte beim Nacherzählen der sechs Geschichten das Gefühl, mich in sechs verschiedenen Sprachgebieten aufzuhalten, und hoffe, dass etwas von meinem Spass daran auf die Leserschaft überspringt.

Meine grundsätzlichen Überlegungen zur Komposition der Nacherzählungen kreisten um das, was ich vorhin als "unzumutbar" bezeichnet hatte: Oberflächlich betrachtet hatte die lange Leine neben einem gelegentlich recht mühsam zu verfolgenden Kreuz und Quer unzählige Redundanzen nach sich gezogen. Bei genauerem Hinsehen - Hinhören! - jedoch zeigte sich in jedem Interview eine eigene, vielleicht etwas verborgene Gesetzmässigkeit, die es genauer herauszuarbeiten hiess.

Sicher kam mir dabei zugute, dass ich mich als Berufsmusikerin alltäglich mit musikalischen Strukturen beschäftige und geübt bin, auf wiederkehrende Themen und Motive zu achten und ihnen einen sinnvollen Platz im Ganzen zuzuordnen.

Zudem kam mir eine eigene Kindheitserinnerung zu Hilfe: das "Leidmotiv".

Ich hatte jahrelang in meinem kindlichen Vokabular über diesen Begriff verfügt, ohne dass ein Erwachsener davon Notiz genommen und ihn mir in wohlmeinender Absicht korrigiert und damit zerstört hätte. Das "Leidmotiv" hatte einen Vorgänger namens "Leidton" - auch er unbehelligt von pädagogischem Zugriff -, der seinen Einzug in meinen Sprachschatz hielt, als mir die Molltonleiter erklärt wurde. "Dur ist fröhlich, und Moll ist traurig", hiess es, und mir war sofort klar, dass jener erhöhte siebte Ton der harmonischen Molltonleiter einen ganz besonders leidvollen Charakter hatte, und zwar nicht nur, weil er intonationsmässig so schwierig hinzukriegen war. Wenig später schnappte ich den Begriff "Leidmotiv" auf, der mir wiederum unmittelbar einleuchtete in seiner sprachlichen Prägnanz, denn man gebrauchte ihn im Zusammenhang mit "Tristan und Isolde", deren Geschichte bekanntlich ein ausserordentlich trauriges Ende nahm.

Beim Nachkomponieren der sechs Klaviergeschichten kam mir nun das "Leidmotiv" wieder in den Sinn, das "Freudmotiv" gesellte sich in der Folge dazu - zwei nützliche Arbeitsprinzipien!

Kopfzerbrechen bereitete mir der Begriff Authentizität. Wie lange ist eine Geschichte "noch" authentisch? Wieviele Eingriffe sind zulässig, seien sie nun sprachlicher, kompositorischer oder gar inhaltlicher Natur? Ich rang mich schliesslich zu folgendem Standpunkt durch: Eingriffe sprachlicher oder kompositorischer Natur sind erlaubt, wenn sie dazu dienen, die innere Aussage mit dem Formalen in Übereinstimmung zu bringen. An den eigentlichen Fakten hingegen darf nichts geändert werden. Einzige Ausnahme: Um die Anonymität der sechs Personen zu wahren, nahm ich mir die Freiheit, die Namen zu verschlüsseln und ein paar Begleitumstände geringfügig zu verändern.

Eine weitere Freiheit, die ich mir erlaubte, bestand darin, meine eigenen Fragen und Stichworte aus dem Text herauszulösen, ein Eingriff, den ich im Interesse der besseren Lesbarkeit und im Bestreben vornahm, die jeweiligen Erzählerinnen und Erzähler in den Mittelpunkt zu rücken.

Zum Schluss möchte ich noch etwas zum Thema Einsichten sagen. Jedes meiner vielen Klavier-Interviews war für mich eine Fahrt ins Blaue: Weg und Ziel waren mir und meinem jeweiligen Gegenüber unbekannt, und jedesmal empfand ich es erneut als Privileg, mitzuerleben, wie meine Reisegefährtinnen und Reisegefährten einen für sie je charakteristischen Erkenntnisprozess durchliefen, der ihnen am Ende ermöglichte, sich und ihr eigenes Verhältnis zur Musik besser zu verstehen.

Diese Prozesse - und ihre Ergebnisse - waren so verschiedenartig wie die Menschen, die sie durchliefen, doch es zeigten sich auch gewisse Gemeinsamkeiten. Einige davon möchte ich herausgreifen:

- Viele der von mir Befragten erklärten, sie hätten in ihrer Kindheit das Klavier als einen Ort - häufig sogar als den einzigen Ort - erlebt, wo ihnen sozusagen offiziell zugestanden wurde, Gefühle zu haben, sich diesen hinzugeben und sie auch auszudrücken. Wieviel - oder wie wenig - Respekt ihnen dabei entgegengebracht wurde, ist ein Kapitel für sich.

- Ich frage mich, ob allen Klavierlehrerinnen und Klavierlehrern bewusst ist, mit welch unerbittlicher Präzision sie von ihren Schülerinnen und Schülern wahrgenommen werden! Offensichtlich sind diese unbestechlichen Beobachterinnen und Beobachter noch Jahrzehnte später in der Lage, genau zu schildern, was sie damals in ihren Klavierstunden mitbekamen, wie sie sich dabei fühlten und wie stark sie davon in ihrer Beziehung zur Musik beeinflusst sind.

Ich erkläre mir diese erstaunliche Präzision der Erinnerungen damit, dass im Musikunterricht - wie oben erwähnt - eine Materie behandelt wird, bei der Emotionen eine grosse Rolle spielen, und auch damit, dass Klavierstunden in der Regel als Einzelunterricht erteilt werden, was heisst, dass ein Kind regelmässig einen erwachsenen Menschen ganz für sich alleine hat - auf Gnad' und Verderb!

- "Die Macht der kindlichen Gelübde": Wie oft haben wir uns wohl als Kinder mit Sätzen wie: "Wenn ich einmal gross bin...", "Nie wieder!" anzuspornen oder einen letzten Rest seelischer Autonomie zu bewahren versucht? Vielen meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern wurde erst während unseres Interviews so richtig bewusst, wie stark sie in ihrem heutigen Verhältnis zur Musik geprägt - häufig auch eingeengt - sind von derartigen "heiligen Schwüren", seien dies nun gute Vorsätze oder resignative Schlussfolgerungen. Einigen gelang es im Verlauf des Gespräches, zu einem aktiveren, freieren, selbstbestimmteren Umgang mit der Musik zu finden - etwa, indem sie ein "Nie wieder!" mit einem "So nicht wieder!" ersetzten, oder indem sie zur Einsicht gelangten, welch ein Schatz ihnen mit der Musik (auch heute noch) zur Verfügung steht, und dass es nie zu spät ist, ihn für sich nutzbar zu machen.

- In einem Punkt herrschte - zu meiner Verblüffung - unter meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern völlige Einigkeit: sie kamen übereinstimmend zur Erkenntnis, dass ihren musikalischen Erfahrungen eine wichtige, ja zentrale Bedeutung zukommt.

Deshalb erlaube ich mir, meinen Leserinnen und Lesern zum Schluss eine etwas aufsässige Frage zu stellen: "Zählt für Sie die Musik zu den Grundnahrungsmitteln? Wenn nein, wie erklären Sie sich das? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?"

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