Daimon Verlag

Traum und Schwangerschaft
von
R. Abt / I. Bosch / V. Mackrell

Leseprobe

1. Vorwort von Marie-Louise von Franz

Bücher über Schwangerschaft gibt es heute in großen Mengen, sogar auch einige über Schwangerschaftsträume. Die vorliegende Studie ist ein Pilot-Test, der möglichst vorurteilslos auszuleuchten versucht, was es an Träumen gibt. Zu diesem Zweck wurde eine Sammlung von rund 700 Träumen schwangerer Frauen untersucht. Schon bei diesem ersten Versuch stellte sich heraus, daß die sogenannten archetypischen Traummotive stark überwiegen, wie eigentlich zu erwarten war. Nach C.G. Jung ist bekanntlich ein archetypisches Motiv eine symbolische Vorstellung oder Geste von allgemeinmenschlicher Natur, deren Funktion es zu sein scheint, typische Lebenssituationen bewältigen zu können. Archetypische Motive treten daher gehäuft auf in Übergangsphasen von vitaler Bedeutung, wie z.B. Schuleintritt, Pubertät, Eheschließung, Krise der Lebensmitte, Vorbereitung auf den Tod und eben auch in der Vorbereitung auf die Schwangerschaft oder Geburt. Was unsere Studie überraschend hervorbringt, ist der ungeheure Reichtum und die Vielfalt und Tiefe der auftretenden Motive. Die Schwangerschaft scheint eine ganze "Weltschöpfung" zu sein. Wie der Organismus des Fetus die biologische Evolution skizziert wiederholt, so wiederholt sich die Weltschöpfung psychisch in jeder Geburt eines Menschen, denn die Welt existiert nur für uns, insoweit sie in unserem Bewußtsein liegt. Das ist, was Jung die kosmogonische Bedeutung des menschlichen Bewußtseins nennt.

Die biologische und medizinische Forschung hat auf unserem Gebiet in den letzten Jahrzehnten ungeheure Fortschritte gemacht. So sehr, daß aber die seelische Bedeutung der Schwangerschaft für die Frau etwas aus dem Auge verloren wurde. Sie wurde zur technischen Platitüde erniedrigt. Das religiöse Staunen und das Geheimnisvolle der Entstehung eines neuen Menschen ging verloren. Die nachfolgenden, nach der Methode Jungs gedeuteten Träume helfen vielleicht, dieses Staunen wieder zu erwecken. Daneben ergeben sie zahllose neue Fragen, die aber natürlich nicht beantwortet werden konnten, von denen wir aber hoffen, daß sie eine neue Generation von Forschern anregen werden, in dieses noch unbekannte Terrain vorzustoßen.

Die Jung'sche Psychologie ist nicht nur eine neue Theorie, sondern eine neue Art zu sehen, die man eine heuristische psychozentrische Art zu sehen nennen könnte. Durch sie ergeben sich auch neue ethische Fragestellungen bezüglich Abtreibung, Empfängnisverhütung etc. Auch hier stecken wir noch in den Anfängen. Aber wenn das Buch vorläufig einigen schwangeren Frauen hilft, mehr mit sich selber in Einklang zu kommen, scheint uns sein Zweck erfüllt.

Küsnacht, 18. März 1996

2. Einleitung von Irmgard Bosch

Es gibt Frauen, die sich in der Zeit der Schwangerschaft selber wie in einer schützenden Hülle, "wie in einer Wolke", geborgen fühlen. Im Zusammenhang mit der für diese Zeit normalen Müdigkeit kommt es bei ihnen zu einer subtilen seelischen Einwärtswendung, einer Introversion, die die Einstellung auf das Kind begleitet und erleichtert. Manche Unsicherheit verschwindet und ein neues, konzentrierteres Selbstgefühl stellt sich ein.

Andere Schwangere fühlen sich in diesem Lebensabschnitt stark verunsichert, sie werden zusätzlich erschreckt durch Träume und sind mehr als sonst düsteren Ahnungen und schwankenden Stimmungen bis hin zur Depression ausgesetzt. Dafür gibt es viele Gründe, innere und äußere.

Einer davon ist sicher, daß Schwangerschaft bei uns nichts Selbstverständliches mehr ist. Der Wert von Berufstätigkeit oder Studium und die Wertschätzung der Freiheit läßt Frauen auch bei geplanter Schwangerschaft die Umstellung nicht leichtwerden. Dazu kommen häufig Probleme in der Partnerschaft.

Schwangerschaft bedeutet etwas wie "die Stunde der Wahrheit" für die Frau: Es kommt jetzt ganz auf ihre eigene innere Wirklichkeit an, und diese muß sie oft genug erst erkennen lernen. Für die Lösung solcher Fragen gibt es keine Ausbildung, sie sind schicksalhaft, und die allgemeine Meinung darüber ist durchaus widersprüchlich. Auch die früher übliche familiäre, besonders die mütterliche Unterweisung, ist fast untergegangen.

Uns fehlt heute das, was einst an wirksamen sozialen und religiösen Formen entwickelt worden ist, um die gefahrvollen Übergänge des Menschenlebens (Geburt, Pubertät, Heirat, Krankheit, Tod) zu regeln und zu ermöglichen, sogenannte "rites de passage", Rituale des Durchkommens und Bestehens, die die Rolle von Entwicklungshilfen hatten. Ein Gefühl des Alleingelassenseins in schwierigen Lebenslagen ist heute weit verbreitet - eine Kehrseite der Freiheit.

Die Frau ist durch die Schwangerschaft auf eine gänzlich andere Weise herausgefordert, als es dem Zeitgeist entspricht, der mehr und mehr die traditionell eingeübten Lebensformen verlassen und für sie neue, andere Ziele gesteckt hat. Wie kann für eine Schwangere Orientierung geschehen, wenn sie sich Fragen nach ihrer Identität gegenübersieht, mit denen sie wie fremd in der modernen Welt steht? Schwangerschaftskurse verschiedener Art können eine große Hilfe sein, aber die Schwangere will mehr über sich selber erfahren.

Was der Schwangeren niemand sagen kann, sagt ihr am unbestechlichsten die unbewußte eigene Natur. Das könnten z.B. ihre Träume sein. Besonders angesichts der schwer lastenden Fragen bei einer ungewollten Schwangerschaft werden manchmal nur durch ein behutsames Berücksichtigen der Träume Orientierungen möglich, die deswegen tragfähig sind, weil sie objektiv und zugleich persönlich sind. Die Träume zeigen den seelischen Ist-Zustand an, von dem sich das bewußte Denken möglicherweise weit entfernt hat. - "Nur das, was eine(r) wirklich ist, hat heilende Kraft", sagt Jung.

Ein Buch wie das vorliegende kann aber nicht wie eins der traditionellen Traumbücher zum Nachschlagen benutzt werden. Es breitet eine Fülle von aktuellen Schwangerschaftsträumen aus vielen Ländern aus und versucht, ihre Deutungsmöglichkeiten aus heutiger tiefenpsychologischer Sicht aufzuzeigen. Schwangere und Ärzte, Psychologen, Hebammen und Seelsorger können darin Hilfen für ein individuelleres und genaueres Verstehen des in jeder Schwangerschaft sich vollziehenden seelischen Prozesses finden.

Aber nicht nur für die Schwangeren selbst, es wäre für uns alle wichtig, die Zeit der Schwangerschaft und ihren objektiv-seelischen (d.h. archetypischen) Hintergrund mit Hilfe der Schwangerenträume wieder besser und differenzierter sehen zu lernen. Es scheint mir, als drohe uns gegenwärtig etwas höchst Wichtiges verlorenzugehen: nämlich der Blick auf einen inneren Lebenszusammenhang, an dem wir so oft zweifeln wollen, an den wir nicht mehr so leicht "glauben" können, über den wir auch manchmal recht gern hinweggehen, der aber unübersehbar da ist und sich mit Sicherheit auswirkt. Wenn wir Träume ernstnehmen und ihre rätselvollen Bilder dem Bewußtsein näherzubringen suchen, so erfordert dies allerdings eine ernsthafte Versenkung in eine fremdgewordene Welt.

Über Schwangerschaftsträume gibt es noch keine größere Arbeit aus Jung'scher Sicht. Marie-Louise von Franz gab deshalb der nach ihr benannten Stiftung die Anregung, eine größere und neue Sammlung von Träumen schwangerer Frauen zu veranstalten. Alle Mitarbeiterinnen an diesem Projekt schulden Frau Dr. Marie-Louise von Franz tiefen Dank für inspirierende Hinweise, für Ermutigung und Hilfe über viele Jahre hinweg.

Zu Beginn des Projekts wurde an eine große Anzahl Jung'scher Analytiker in mehreren Ländern die Anfrage gerichtet, ob sie in der Lage und willens sind, zu einer Sammlung archetypischer Träume aus der Zeit der Schwangerschaft zum Zweck einer Untersuchung ihrer Motivik beizutragen. Anhand des Materials sollten folgende Fragen untersucht werden:

Unterscheiden sich Träume schwangerer Frauen von denen anderer Frauen oder von den übrigen Träumen im Leben einer Frau? Sagen diese unwillkürlichen Äußerungen ihrer Psyche etwas aus über jene Fragen, die die Menschen seit je bewegen, etwa nach dem Beginn oder der Herkunft des Lebens, den Geheimnissen des Werdens eines neuen Menschen oder über das Lebensschicksal des Kindes? Schwangere können durch Träume manchmal furchtbaren Schrecken ausgesetzt sein, wie sie nur mit den Schrecken alter Einweihungen vergleichbar sind. Sind in ihren Träumen auch heilende archetypische Lösungswege und Hilfen sichtbar, die für heutige Frauen gültig sind?

Jung schreibt: "Alle jene Augenblicke des individuellen Lebens, wo die allgemeingültigen Gesetze menschlichen Schicksals die Absichten, Erwartungen und Anschauungen des persönlichen Bewußtseins durchbrechen, sind zugleich Stationen des Individuationsprozesses". Es dürfte offenkundig sein, daß eine (gewollte, besonders aber eine ungewollte) Schwangerschaft genau das hier Gesagte verkörpert: eine Durchbrechung des persönlichen Planens und Denkens durch allgemeingültiges menschliches Schicksal. Sind demnach Stufen des Individuationsprozesses in den Schwangerschaftsträumen sichtbar?

Dies müßte auch in einer geplanten Schwangerschaft sichtbar sein. Sie geht ihren von der Natur und nicht vom Willen des Ich vorgeschriebenen Gang, so wie es ungezählte Generationen von Frauen erfuhren. Angesichts unserer stark auf individuelle Entwicklung hin orientierten Erziehung und Ausbildung von Frauen und Mädchen wird in der Schwangerschaft eine ihrer kostbarsten modernen Errungenschaften scheinbar dahingegeben: die schwer erkämpfte Selbstbestimmung. Wir wollten anhand der Träume erforschen, ob und inwiefern diese fundamentalen Veränderungen in Begleitung freiwilliger oder unfreiwilliger Opfer gleichzeitig Schritte auf dem Weg der Selbstfindung bedeuten. Es wäre zu fragen, ob und inwieweit es stimmt, daß das Eintauchen in die Familienphase - wie heute oft behauptet wird - die Gefahr eines Stillstands der geistigen Entwicklung der Frau mit sich bringt, bzw. wie die Träume solche Fragen kommentieren. In den Träumen müßte daneben auch ersichtlich sein, ob die Schwangerschaft nur eine Art Ausweg oder Vorwand darstellt und eine echte Einstellung dazu erst erwachsen muß.

Die Auswahl aus der überaus großen Anzahl von eingesandten Schwangerenträumen (ca. 700) geschah beispielhaft und vorwiegend hinsichtlich ihres archetypischen Gehaltes. Da wir die Schwangeren größtenteils nicht kennen, konnten zwar zuweilen Vermutungen über den kompensatorischen Bezug zum Persönlichen ausgesprochen werden, unser Interesse galt aber vorrangig dem archetypischen Gehalt eines Traums und seinem Bezug zur Schwangerschaft. Aus Kapazitätsgründen konnten bei weitem nicht alle relevanten Motive bearbeitet werden, manches nur im Zusammenhang anderer Themen. Die Zuordnung der Träume zu den Hauptkapiteln wäre manchmal auch anders denkbar, z.B. wenn mehrere Motive einen Traum bestimmen. Ein Stichwortregister am Ende des Buches soll das Aufsuchen erleichtern. Zahlen- und Datenmaterial sowie die Originale der Traumtexte können bei der Stiftung eingesehen werden.

Es soll an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht werden, daß die Initiatorin und die Autorinnen des Forschungsprojekts allen Einsendern und Einsenderinnen von Träumen, sowie den Träumerinnen selbst, außerordentlich dankbar sind, daß so überaus viele und großenteils sehr beeindruckende Träume auf unsere Anfrage hin aus vielen Ländern bei der Marie-Louise-von-Franz-Stiftung in Zürich eingegangen sind. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung und Deutung der Träume ist in allen Fällen eingeholt worden. Frau Regina Abt sind wir dankbar für herausgeberische Arbeiten, Frau Eva Wertenschlag und Frau Ursula Kiraly für ihr sorgfältiges Durchlesen, Frau Rigmor Robert, Nacka/Schweden, für die Klassifikation und Numerierung der Träume. Wir danken insbesondere der Marie-Louise-von-Franz-Stiftung, die uns die Veröffentlichung der Untersuchung ermöglichte.

Die theoretische Grundlage unserer Untersuchungen bildet das tiefenpsychologische Werk von Carl Gustav Jung und Marie-Louise von Franz. Ich möchte im Folgenden einige sehr kurzgefaßte Erklärungen zum methodischen Vorgehen geben, um nachher den Zusammenhang nicht unterbrechen zu müssen. Leser und Leserinnen, die mit der Jung'schen Psychologie nicht vertraut sind, mögen sich fragen, warum wir für das Verständnis der Träume so viel Parallelen aus Mythologie, Geistesgeschichte, Märchen und Folklore herangezogen haben. Passen solche Vorstellungen und Bilder, die doch einer fast gänzlich versunkenen Weltsicht entstammen, noch auf uns, so daß sie bei der Deutung heutiger Träume von Wert sein können?

Jung schreibt über die Tätigkeit des Unbewußten im Traum: "Es (das Unbewußte) entwickelt Motive, die zu allen Zeiten z.B. in Mythen und Märchen aller Völker der Welt immer wieder gleichartig auftreten. Dieselben Urbilder bestimmen auch unsere heutigen Träume, Phantasien und Ideen."

Die notwendige Vorarbeit, um einen Traum-Sinn zu erfassen, besteht nach Jung deswegen neben der Vergegenwärtigung der Lebenssituation (die in unserem Fall ihr Hauptgewicht in der Tatsache der Schwangerschaft hat) im sogenannten Amplifizieren der Traummotive. Die Amplifikation, d.h. Erweiterung der Traummotive um ihre Parallelen und Analogien aus Zeugnissen aller Zeiten, bedeutet eine vergleichende Motiv-Erfassung, mittels der man sich mit der Funktion, Historie und Eigentümlichkeit der Figur oder Handlung vertraut macht, um ihrem psychologischen Sinn auf die Spur zu kommen. Beim Verfolgen solcher Linien entsteht neben genauerer Kenntnis des Umfelds auch etwas wie eine persönliche Beziehung, ein Urteil und ein Gefühl für das Bild und seine Eigenart als Ausdruck eines bestimmten seelischen Prozesses. Eine Deutung wirkt erst dann überzeugend, wenn sie psychologisch stimmt. Bei der Suche nach dem Sinn ist es eine Sache der Übung der bildhaften Intuition, sich entlang gewisser, oft wiederkehrender Linien in der Fülle der Bilder zu orientieren und sich nicht in ein uferloses Assoziieren zu verlieren.

Jung lehrt, einen objektiven und einen subjektiven Gehalt der Träume zu unterscheiden. Eine "Deutung auf der Objektstufe" heißt, daß die auftretenden Personen oder Handlungen als vorrangig mit der äußeren Realität zusammenhängend verstanden werden können. Eine "Deutung auf der Subjektstufe" zeigt dagegen die handelnden Personen, Ereignisse und Verhältnisse als Aspekte oder Seiten des/der Träumenden selbst. Für die Bewußtwerdung des Individuums ist besonders dieser letztere, subjektive Gehalt der Träume wichtig. Jung geht hier so weit, das gesamte Traumgeschehen als innere Wirklichkeit des träumenden Subjekts aufzufassen., d.h. der Traum besteht aus aktuellen Bildern und Möglichkeiten seiner seelischen Gesamtpersönlichkeit, welche über das bewußte Ich in unbekanntem Maße hinausragt. Deutungen auf der Subjekt- oder Objekt-Stufe schließen sich oft gegenseitig nicht aus. Es muß jeweils sorgfältig abgewogen werden, welcher Aspekt den Traumsinn überzeugender erschließt.

Eine oftmals erkennbare Hauptfunktion des Traumes, sein von Jung entdeckter "finaler" Sinn, ist die Kompensation des Bewußtseins. Indem der Traum auf seine Weise etwas darstellt, was das Bewußtsein (noch) nicht weiß, vernachlässigt, verkennt oder verdrängt, würde dieses durch den Traum erweitert, korrigiert, kompensiert, oft ganz gegen seinen Willen, aber stets im Sinne eines aktuellen seelischen Ausgleichs. Es erhebt sich die Frage: Wer komponiert oder schafft diese Bilder? Welche schöpferische seelische Funktion ist hier am Werk?

Jung beobachtete in vielen Jahren intensiver Traumforschung aus Tausenden von Träumen, daß in der Tiefe unseres Seins ein mächtiger, natürlicher Trieb existiert, der unsere verschiedenen und oft gegensätzlichen Wesensteile mit ihren disparaten Tendenzen zu einem lebensfähigen Ganzen anzuordnen und zusammenzuführen bestrebt ist. Es scheint dies ein geistig-seelisches Zentrum zu sein, das Jung im Unterschied zum bewußten Ich das SELBST oder die Ganzheit des Menschen nannte. Dies "Zentralorgan der Seele" umfaßt auch die unbewußten, die körperlichen ebenso wie die geistigen Seiten. Von dort können Impulse herkommen, die die Einseitigkeiten des Bewußtseins kompensieren und neue Lebensperspektiven aufzeigen.

Die aus dem Selbst heraufkommenden und vom Selbst angeordneten, bildhaften Traumvorgänge können z.B. Aufschluß darüber geben, wie eine Träumerin der Herausforderung einer Schwangerschaft gewachsen ist, was der Prozeß an Opfern verlangt, was ihn hemmt, und welche Kräfte zur Verfügung stehen, von denen sie oft vorher keine Ahnung hatte. Aus dem Blickwinkel dieser unserer "größeren Persönlichkeit" heraus gesehen, gibt es manchmal überraschend neue Perspektiven und tiefbewegende Einblicke, die wir spontan als wahr empfinden und manchmal nicht anders denn als göttlich oder numinos bezeichnen können.

Unsere Untersuchungen sollen helfen, auch schwerverständliche und dunkle Bilder genauer und mit weniger Angst anzuschauen, sowie anscheinend belanglose nicht für unwert zu halten, d.h. ganz allgemein dem Prozeß des Werdens und damit der Natur mehr zu vertrauen. Nach Jung ist uns schon ein annäherndes Verständnis dessen heilsam, was unsere Träume sagen. Mit einiger Geduld können wir lernen, die Sprache des Unbewußten besser zu verstehen, was nichts anderes heißt, als die besondere Art kennenzulernen, mit der unsere unbewußte größere Persönlichkeit unser eigenes Leben von innen her anschaut.

Es gibt im Deutschen einen Ausdruck für Schwangersein, der etwas altmodisch klingt: er heißt "guter Hoffnung sein". Wir könnten ihn auf unser Traumbuch anwenden: Dieses Kind ist nicht nur neun Monate, sondern über mehrere Jahre hinweg im Verborgenen gewachsen, es ist dabei auch selbst sehr dick geworden und es gab Krisen und regelrechte Wehen, aber wenn es nun endlich zur Welt kommt, so bin ich guter Hoffnung, daß es seine Aufgabe erfüllen wird!

3. Elemente

3.1. Das Wasser und einige seiner Tiere von Regina Abt

Wir beginnen unsere Arbeit über die Träume schwangerer Frauen mit einem Motiv, das von seinem ganzen Wesen her zum Anfang gehört. Nicht nur das Leben eines neuen Kindes im Mutterleib beginnt im Wasser, sondern Leben überhaupt ist ohne Wasser nicht denkbar. Wo es auf der Erde fehlt, ist Wüste, totes Land, wo es fließt, ist Vegetation, Nahrung für Tier und Mensch, Leben.

So hatte im Denken der Alten das Wasser denn auch überall mit dem Ursprung des Lebens und mit der Entstehung der Welt zu tun. Es ist darum nicht erstaunlich, daß vor der Geburt eines Kindes, der Entstehung eines neuen Menschen, das Unbewußte in Träumen Bilder von Uranfang und Neuschöpfung heraufbringt, die eng mit dem Wasser verknüpft sind. Um solche Träume besser zu verstehen, wollen wir, wie auch in den folgenden Kapiteln, alte mythische Vorstellungen zu Worte kommen lassen, weil diese denselben Tiefen entstammen wie viele Träume schwangerer Frauen. Sie sprechen sozusagen dieselbe Sprache und können deshalb zur Anreicherung und Erhellung der Traumbilder beigezogen werden. Auch vermitteln sie uns gleichsam etwas von dem tiefen Gefühlseindruck, welchen Traumbilder aus großer seelischer Tiefe für den Träumer an sich haben, denn Mythen sprechen von großen Dingen, vom Anfang der Welt, von Göttern und Dämonen, von übermächtigen Geschehnissen. Allzuleicht tun wir heutige Träume als unwichtig ab, weil wir ihren größeren Bedeutungshintergrund, gleichsam ihren seelischen Nährboden, nicht erkennen können.

Da der Mensch schon früh in den Tiefen des Wassers das Geheimnis der Weltentstehung vermutete, steht in vielen Kosmogonien, das heißt Erzählungen von der Entstehung der Welt, am Anfang das Wasser. Auch unser eigener biblischer Schöpfungsmythus beginnt ja mit dem Wasser, über dem der Geist Gottes schwebt. Thales, ein griechischer Denker, erklärte das Wasser als das primäre Element, aus dem sich alles entwickelte. Die Erde ruhte nach ihm auf dem Wasser und war von ihm umgeben. Er sagte auch, daß die ursprüngliche Oberfläche der Erde Wasser war und die ersten Lebewesen im Wasser entstanden seien. Bei Homer ist die Welt umgeben vom Okeanos, dem Strom des Ursprungs, wo auch die Götter herkommen. Der Okeanos enthält die Keimstoffe, aus der sich die Welt entwickelt hat. In Babylon ruht die Erde auf dem Urwasser Apsu, das sie von allen Seiten umgibt. Aus ihm entspringen, wie auch aus dem Okeanos, alle Quellen und Flüsse. Von einer Schöpfung aus dem Urmeer spricht auch die germanische Kosmogonie: Der Riese Ymir, der "Rauschende", aus dessen Gliedern die Welt entstanden sein soll, wird mit diesem Urmeer identifiziert. Die altägyptische Schöpfungslehre erzählt davon, wie es am Anfang weder Himmel noch Erde gab. "Von dichter Finsternis umgeben, erfüllte das All ein grenzenloses Urwasser - NUN genannt -, welches in seinem Schoße die männlichen und weiblichen Keime oder die Anfänge der zukünftigen Welt in sich barg." Aus diesem Urzeitgewässer taucht die Erde auf, rund umgeben und getragen von ihm. NUN ist auch der "Alte", der "Vater der Götter", ein kosmischer Gott, der noch vor dem Weltschöpfer Atum, dem chthonischen Urgott, da war. Aus diesem Urwasser NUN stieg dann Atum als sein Sohn empor. Er ist auch der Urhügel, die erste Erde, die aus dem Wasser erschien, so wie alljährlich in Ägypten die Erde wieder aus den überschwemmenden Schlammfluten des Nil auftauchte.

Solche großartigen Bilder zur Weltentstehung sind schon in alten Zeiten aus der Psyche des Menschen an die Oberfläche seines Bewußtseins aufgestiegen wie Inseln aus den Urwassern des unbewußten Lebens. Aber damit greifen wir bereits vor: In seiner geheimnisvollen Abgründigkeit, seiner fließenden, ewigen Beweglichkeit ist das Wasser eines der wichtigsten Symbole für das Unbewußte, aus dessen unerkennbaren Tiefen alles seelische Leben entsteht und genährt wird.

In vielen mythischen Erzählungen ist die Rede von einem göttlichen Kind, das in der Einsamkeit des Urelements heimisch ist, ein wunderbares Waisenkind, der Anfang der Schöpfung. In der indischen Kosmogonie des Rigveda ist Vishnu, der Schöpfer des Alls, der als Eber aus dem Meer die junge Erde heraufholt, auch selber der kosmische Ozean. Manchmal ruht er zu Beginn seiner Schöpfung als göttliches Kind auf den Windungen der riesigen Wasserschlange. Narayama oder Prajapati, das göttliche Kind in Indien, kroch nach anderen Erzählungen aus dem Ei, das im Wasser des Ursprungs entstanden war und ruhte nun im Kelch einer Wasserblume. Auch Harpokrates, das ägyptische Sonnenkind, wurde wie Prajapati auf einer schwimmenden Lotosblüte dargestellt. Auch etwas näher bei uns findet sich das mythische Urkind, vor allem in altitalischen und kretischen Erzählungen und in altertümlichen Schichten der festländisch-griechischen Religion. Im Kapitel über das Symbol des Kindes wird auf dieses wichtige Mythologem weiter eingegangen. Hier wollen wir nur den engen Zusammenhang von Wasser und Kind feststellen, weil es ja in der Schwangerschaft auch um das Kind geht, das heißt um die Schöpfung des Menschen oder des anfänglichen menschlichen Bewußtseins aus dem Urelement Wasser, dem Unbewußten.

Manchmal wurde die Entstehung des Menschen auch direkt aus dem Wasser erklärt. Anaximandros, ein griechischer Philosoph des zweiten Jahrhunderts v.Chr., vertrat die Lehre, daß aus erwärmtem Wasser Fische oder fischgleiche Wesen entstanden seien, welche zugleich pflanzenartig gewesen wären. Aus diesen sei schließlich der Mensch hervorgegangen. Der romantische Naturphilosoph und Naturforscher Oken in Jena anfangs des 19. Jahrhunderts behauptete, daß der erste Uterus das Meer gewesen sei, denn dieses habe Nahrung für den Fetus, Schleim und Sauerstoff. Die ersten Embryonen seien im Meer entstanden, viele seien umgekommen, andere seien sanft ans Land getrieben worden, wo ihre Hüllen zerrissen seien. In einer solchen Lehre können wir, obwohl sie von einem Naturwissenschaftler und Philosophen des letzten Jahrhunderts geäußert wurde, die alte mythologische Vorstellung vom Urkind aus dem Wasser erkennen.

Obwohl wir nun schon ein ganzes Stück weit in die Symbolik des Wassers eingedrungen sind, ist es uns unmöglich, auch nur einen kleinen Teil der unendlichen Vielfalt der Bilder zu fassen. Man könnte buchstäblich darin ertrinken! Ich will darum hier nur auf einige wichtige Punkte hinweisen, um diese dann im Zusammenhang mit den Träumen zu vertiefen.

Die nahezu universale Bedeutung des Wassers als Ursprung und Träger alles Lebens spielt in alle Bräuche und Riten hinein, in denen es um Fruchtbarkeit von Pflanze, Mensch und Tier, um Zeugungskraft und Regeneration geht. Im alten Griechenland wurden Braut und Bräutigam im Fluß gebadet, Damit erhoffte man sich reichen Kindersegen. Bekannt war die Sage, daß wenn man im Wasser des Nil-(Ur-)Sprungs bade, es mehr als drei Kinder in einer Geburt gebe. Flüsse hatten zeugende Kraft und waren Spender von Samen. Sie förderten das Wachstum der Jugend, welche im Zeitpunkt der Pubertät dem Fluß eine Locke opfern mußte. Kinder, aber auch Tiere, kamen nach altem mitteleuropäischem Volksglauben auch direkt aus Brunnen, Teichen, Seen und Bächen. Noch heute finden wir bei uns sogenannte Kinderbrunnen und Kinderteiche.

Fruchtbarkeit bedeutet immer auch Erneuerung im weiteren Sinne, und damit Heilung. Regeneration und Heilung hängen wiederum von vorangehender Reinigung ab. Überall wo der Mensch Reinigung, Heilung, Regeneration suchte, gab es Wasser als elementare Lebenssubstanz, in Quellen, Brunnen, in heiligen Gewässern. Viele unserer christlichen Kirchen entstanden ursprünglich auf einem vorchristlichen Quellheiligtum. So haben wir zum Beispiel im Riedertal im Kanton Uri noch heute angebaut an die Kapelle der schwarzen Madonna, in der die Frauen um Kindersegen bitten, einen Quellbrunnen. In besonderem Maße waren es natürlich weibliche Erdgöttinnen- und Mutterheiligtümer, wo es um die Entstehung von Leben und um Lebenserneuerung ging.

So wie im Wasser der Anfang alles Lebens vermutet wurde, so glaubte man auch, daß das letzte Wissen, das letzte Geheimnis des Lebens in der Tiefe ruhe. Das war eine allgemeine Uranschauung. Sie spiegelt sich im Glauben an die vielen Schicksalsgöttinnen, welche ihr Wissen aus der Erdentiefe und vor allem aus dem Wasser beziehen. Dazu gehören die drei Parzen, die drei germanischen Schicksalsgöttinnen, die an der Urd-Quelle sitzen, am Schicksalsbrunnen am Fuße des Weltenbaumes Yggdrasil. Das Wasser dieser Quelle enthält alle Keime und Möglichkeiten, und aus ihm sind alle Lebewesen hervorgegangen. Sie ist auch ein Jungbrunnen, in dem das, was hineinfällt, zu früherer Reinheit, zu seinem vorgeburtlichen Ursprung zurückverwandelt wird.

Der Vorstellung, daß die Wassertiefe mit dem Schicksal und der Zukunft zu tun hat, begegnen wir überall in der Mythologie. Wir finden sie auch in ungezählten Bräuchen zur Weissagung. Mädchen sehen ihren Zukünftigen im Wasser. Wasser färbt sich rot, wenn Krieg droht usw. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, einer riesigen, sehr nützlichen Sammlung von alten Bräuchen und Vorstellungen, findet sich eine große Menge von Beispielen. Die sogenannte Hydromantik, die Wahrsagerei aus dem Wasser, spielte auch im Altertum eine große Rolle.

Wenn wir selber an einem tiefen, dunkeln Gewässer, an einem hell und farbig quirlenden Bergbach oder an einem reißenden, kalten Fluß stehen, der zwischen hohen Felswänden dahinströmt, so haben wir unter Umständen auch Phantasien, die wir nicht selber machen. Sie kommen uns gleichsam aus dem Wasser, bzw. aus unserem eigenen Inneren entgegen, angeregt durch die geheimnisvolle, fließende, spiegelnde, wechselnde Qualität des Wassers. Haben wir dichterische Fähigkeiten, so "bilden" sich in uns Worte, Ideen "fließen", der "Strom" des schöpferischen Gestaltens kommt in Bewegung. In alten irischen Texten wird beschrieben, wie für die irischen Dichter das Wasser Ort und Mittel zur Inspiration und Offenbarung war. Sie besangen es, um prophetische Einsichten zu erhalten. Im I Ging, dem chinesischen Weisheitsbuch, stellt im Zeichen Nr. 7 ("Das Heer"), das Grundwasser innerhalb der Erde die machtvolle, schöpferische Quelle aus der göttlichen Natur des Menschen dar.

Eine große Rolle spielte das Wasser auch in der romantischen Dichtung, als Ausdruck für ekstatisches Gefühl und visionäres Schauen, aber auch für ein Überwältigtwerden von den Wogen, Strudeln und Fluten einer melancholischen, herabziehenden Stimmung, die bis zur Todessehnsucht ging. In unendlich vielen Nymphen- und Nixensagen, die auch gerade in dieser Zeit besonders gesammelt wurden, wird von der suggestiven Kraft des Wellenspiels erzählt, welches den Menschen hinabziehen kann, bis er versunken ist im mütterlichen Gewässer. Das bedeutet psychologisch ein Eintauchen in die Schlaf- und Traumwelt des Unbewußten, in die Nachtwelt der Seele, die den Menschen aus dem realen Leben hinwegziehen kann. Wir werden sehen, daß es auch in unserer Sammlung Träume gibt, welche diese Gefahr deutlich machen.

..........

Zurück


Daimon Verlag

Email: info@daimon.ch