Daimon Verlag

Psychotherapie und das Bild vom Menschen
von
Ernst Spengler

Buchbesprechung von Verena Kast

Es gibt verschiedene Ausprägungen der psychotherapeutischen Konzepte und Schulen. Ihnen allen liegt -- ein mehr oder weniger explizit formuliertes -- Menschenbild zu Grunde. Das Bild vom Menschen bestimmt aber nicht nur die jeweilige Therapierichtung, sondern auch de Menschen, die darüber ein Buch schreiben.

Spengler bezieht sich bei der Darstellung des Menschenbildes, das hinter der Psychoanalyse Jungscher Prägung steht, auf die philosophisch-anthropologische Analyse des Seins, das in einer unauflöslichen dialektischen (dialogischen?) Bezogenheit zu allem anderen Seienden steht, wie es von Wilhelm Keller vertreten und ausgearbeitet worden ist.

Damit leistet der Verfasser einen wichtigen Beitrag zu der Frage, welche Form der Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie angemessen sei. Er weist überholte naturwissenschaftliche Paradigmen und entsprechende Forschungsdesigns für die Psychotherapie zurück, und verweist auf eine originär ontologische, geisteswissenschaftliche Position als Grundlage von Psychotherapie, in Auseinandersetzung mit all dem, was auch noch ist in dieser Welt, also auch den verschiedenen naturwissenschaftlichen Ansätzen. Ein respektvolles Miteinander müsste entstehen. Dies ganz besonders in der Therapieforschung. Es geht Spengler keineswegs darum, den Erweis für die Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie zu verweigern, er wendet sich vielmehr dagegen, dass nur eine Form der Wissenschaft im Zusammenhang mit Psychotherapie die Wahrheit für sich beansprucht, vor allem wendet er sich dagegen, dass einige Interessenvertreter bestimmen wollen, was in diesem Zusammenhang wissenschaftlich ist, und das dann für standespolitische Zwecke missbrauchen. Der Standespolitiker Spengler spricht aus jahrelangen standespolitischen Erfahrungen.

Auf welches Menschenbild bezieht sich Spengler nun?

Das Wesentliche am Menschenbild, das auf der philosophisch-anthropologischen Analyse des Seins beruht, ist die Überzeugung, dass Selbstsein die Aufgabe des Menschen ist, dem Menschen aufgegeben.

Erkenntnistheoretisch bezieht sich Spengler darauf, dass "die Wirklichkeit ein 'Konstrukt' des menschlichen Seins" (S. 94) ist. Er verweist darauf, dass sich darin der moderne Hirnforscher Roth, der Psychotherapeut Jung und der Seinsphilosoph Keller einig sind. Natürlich gibt es die Welt. Aber es braucht ein Bewusstsein, das mit der Welt in Interaktion treten kann, damit Welt auch wirklich "ist", damit die Dinge der Welt auch etwas bedeuten. Es ist dies ein konstruktivistischer Gesichtspunkt: Im Selbstsein werden wir Menschen selbst, wird die Welt, wird das andere. Selbstsein bedeutet, dass der Mensch sich seinen Möglichkeiten entsprechend, seinem Potential gemäss entfalten muss. Bei Jung wird dies Individuationsprinzip genannt, bei Keller Expansivität des Lebens, Streben nach einem "hochwertigen eigenen Dasein" (S. 123), was bei Keller unter Selbstwertstreben, aber auch Selbstverwirklichungsstreben, abgehandelt wird. Die Grundformen der menschlichen Expansivität, des Selbstverwirklichungsstrebens (ontologisch), des Selbstwertstrebens (psychologisch), vollziehen sich nach Keller in den Bereichen des Habenwollens, des Behauptungs- und Dominanzstrebens, des Kontaktstrebens und des Betätigungsstrebens. (S. 133ff) Das gesamte Leben -- so Spengler in Anlehnung an Keller -- vollzieht sich im Rahmen dieser vier Grundstrebungen. Und diese vier sind überformt und durchdrungen zugleich von einem fünften Streben, dem Selbstverwirklichungsstreben. Jeder dieser Strebungen steht im gelebten Leben auch eine Hemmung dieses Strebens gegenüber: Themen der Psychotherapie. Gestörte Selbstverwirklichung, beeinträchtigter Individuationsprozess, defiziente Seinsweise -- sie betreffen alle die gleiche Daseinserfahrung der Hemmung, jeweils von einer anderen Warte aus formuliert.

Diese Grundstrebungen mit ihren Hemmungen werden beschrieben und mit praktischen Beispielen aus der Psychotherapie in Verbindung gebracht. Dadurch werden bekannte Störungsbilder auch noch in einem anderen Zusammenhang aufgezeigt als üblich. Es wird deutlich: Das Idealbild eine Menschen, der sein Leben "optimal selbsthaft zu führen und zu gestalten" (S. 196) vermag, kann kein konkretes Therapieziel sein. Dieses kann vielmehr im "lebenslangen Bemühen und im Aushalten des wesensmässig bedingten Nichterreichenkönnens" (S. 196) liegen.

Spengler versucht in diesem Herzstück des Buches psychodynamische und psychotherapeutische Überlegungen und Zusammenhänge in Verbindung zu bringen mit der philosophisch-anthropologischen Sicht des menschlichen Seins als der für ihn schlüssigen theoretischen Grundlage für die "reflektierte Selbstbezogenheit" des Menschen. Ungeachtet dessen, ob der Leser oder die Leserin von dieser Sichtweise zu überzeugen ist, ist sie anregend, und von ihr könnten wichtige Impulse ausgehen. Exemplarisch ist, dass im Zusammenhang mit der Jungschen Psychotherapie eine kohärente Verbindung von Menschenbild, Ziel der Behandlung, therapeutischen Konzepten und dann im letzten Teil auch von praktischer therapeutischer Arbeit dargestellt wird -- auch das eine Form der Wissenschaftlichkeit.

Das Menschenbild, wie ich zu Beginn meiner Rezension betonte, bestimmt auch das, was ein Buchautor schreibt. Was also das in diesem Buch dargestellte Menschenbild betrifft: "Dazu gehört als Grenzfall des Selbstseins, dass es darauf angelegt ist, sich optimal zu realisieren, das heisst, sich im Sinne seiner eigensten Möglichkeiten zu vollziehen. "(S. 124) Auf den Verfasser des Buches angewendet: Wir treffen in diesem Buch den Berufspolitiker, den Philosophen und den Psychotherapeuten Spengler. In jeder Rolle hat er etwas zu sagen, und teilt uns, oft auch in Nebensätzen etwas mit, was er in jahrelanger therapeutischer und standespolitischer Arbeit erfahren hat.

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