Daimon Verlag

Psychotherapie und das Bild vom Menschen
von
Ernst Spengler

Kapitel 4

Die Gerichtetheit des Seins

Niemand weiss, trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt, woher das Leben stammt, weshalb es Leben gibt. Man kann nicht einmal sagen, ob es auf dem Festland, am Meeresufer oder gar in den vulkanischen Heisswasserschloten in der Tiefsee entstanden ist, wo es ohne Sonnenlicht (Fotosynthese) gedeiht.

Schon Parmenides dachte, noch allgemeiner, über die Frage nach, weshalb überhaupt etwas ist, und nicht einfach nichts ist. Diese Frage nach dem Grund von Sein - man nennt sie die ontologische Frage, und wir haben bereits zu Beginn dieser Erörterungen daran gearbeitet - hat die Denker von der Antike bis heute beschäftigt. René Descartes, französischer Philosoph und Mathematiker, beantwortete diese Frage in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit dem berühmten Satz "Cogito, ergo sum" - Ich denke, also bin ich. Diese Erfahrung - nämlich: dass er denkt - kann jeder Mensch machen. Als selbsterlebter Vorgang ist die Aussage für jeden evident. Der Schluss: also bin ich, gründet auf dieser Erfahrung, die mein Sein gerade schon voraussetzt. Sein ist somit ein Akt, der in Seinsvollzügen erlebt wird, erfahrbar ist. Wir würden heute eher modal argumentieren: Indem ich denke, bin ich. Das Wie dieses Seins, das heisst sein zeitlicher und qualitativer Ablauf, setzt jenes Dass schon voraus, gründet also auf dessen Erfahrung durch mich.

So wie die Erfahrung uns berechtigt, uns als Seiende zu erkennen, so lässt sie uns auch erkennen, dass unser Sein unumkehrbar gerichtet ist: es verläuft ausnahmslos von der Geburt zum Tod. Es ist zeitlich irreversibel. Und wie in einem Buchensamen das Seinspotential der ausgewachsenen Buche enthalten sein muss - bekanntlich wächst aus Bucheneckerchen nie eine Eiche -, so ist auch das menschliche Sein im Neugeborenen potentiell angelegt. Doch im Unterschied zur pflanzlichen oder auch zur animalischen Entwicklung gestaltet sich die menschliche Entwicklung zum Erwachsenen nicht allein aus einem inneren Wachstumsprinzip. Wir haben bereits davon gesprochen, dass der "Sog" der Gemeinschaft im ersten Lebensjahr, dem "extrauterinen Frühjahr", gerade erst jene spezifisch menschliche, also "triebentbundene" Seinsweise möglich macht, die bei einer längeren Schwangerschaft mit grösster Wahrscheinlichkeit verhindert würde, indem dann Prägungen künftiger Verhaltensmuster resultierten, wie wir dies bei Tieren feststellen. Und später vollzieht sich die Entfaltung immer in der komplexen Wechselwirkung von Eigenvollzug (Selbstsein) und dadurch gewonnener Erfahrung, die allmählich ihrerseits eine neue Seinsqualität ermöglicht, nämlich jene des bewussten Verhaltens.

Seelische Entwicklung ist zudem immer zugleich Entfaltung der in meinen Vollzügen erlebten Welt. So haben Kinder verschiedener Entwicklungsstufen eine unterschiedliche Welt, und man kann an ihrem Weltbild geradezu die Stufe der seelischen Entwicklung ablesen. Als ich etwa sechsjährig war, glaubte ich durchaus das Wetter vom nächsten Tag beeinflussen zu können, wenn es gelänge, bei gleichbleibender Schrittlänge nicht auf eine Randsteinfuge zu treten. Da galt ein magisches Weltbild, das nach einigen Schuljahren nur noch ein verächtliches Lächeln wecken konnte, weil sich mein Weltbild inzwischen verändert hatte.

Dass "Welt" nicht unabhängig von einem menschlichen Bewusstsein "ist", wird damit ebenso evident. Wir haben dies bei der Diskussion des Konstruktivismus Roths gesehen und können darauf eine weitere Vertiefung des Problems aufbauen. Alles Seiende muss von mir denkend-wahrnehmend vollzogen werden, und damit wird es unvermeidlicherweise auch von meiner Weise des Erkennens mitkonstituiert, die wiederum durch meine lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingtheiten, die augenblickliche Gestimmtheit und meine intentionale Ausrichtung beeinflusst wird. Jung spricht von der "persönlichen Gleichung", welche meine Wahrnehmung der Dinge beeinflusst (Jung 1920, #0a4 8, #0a4 1057). Ein Beispiel möge diese völlig persönliche Wahrnehmung eines "Gegenstandes" veranschaulichen: Ein Baum kann mir bei Hitze und stechender Sonne in erster Linie als willkommener Schattenspender erscheinen. Der Schreiner, der den selben Baum an einem kühlen Tag wahrnimmt, sieht ihn im künftigen Nutzaspekt als Rohstoff für die Möbelherstellung. Der romantische Dichter erlebt ihn als Symbol sinnenbeschwingender Natur. Den Verliebten wird er zum Erinnerungsmal ihrer Liebesbekenntnisse. Dem Zoologen bedeutet er vor allem Lebensraum für Vögel, Insekten und kletternde Säuger. Jeder hat einen ganz anderen wahrnehmenden Zugang zum scheinbar gleichen Baum. Jeder gibt ihm eine andere Bedeutung. Auch ich selber kann, je nach Situation, den nämlichen Baum mit anderen Bedeutungen versehen, und oft fällt es schwer, ausser der spontan dominierenden Sichtweise auch andere wahr- bzw. ernstzunehmen. Wer vermöchte also eine allein und allgemein gültige Aussage über die "Natur" dieses Baumes zu formulieren, ohne die Vielfalt der tatsächlich erlebbaren Bedeutungen auf willkürlich ausgewählte "Grundzüge" zu beschneiden? Sagt die Definition zu Baum (Brockhaus Enzyklopädie 1987) "Ausdauerndes Holzgewächs mit einfachem Stamm, dessen bleibende Verzweigung ab einer bestimmten Höhe zur Bildung der Krone führt (Wipfel-, Kronenbaum) oder unverzweigt in einem Schopf meist sehr grosser Blätter endet (Schopfbaum, so Baumfarne und viele Palmen)" tatsächlich etwas Wahreres oder Gültigeres aus? Schon gar nicht kann (bzw. will) eine auf solche Wissenschaftlichkeit eingeengte Sichtweise jene symbolischen Bedeutungen des Baumes sehen, mit denen Menschen von je her das Phänomen "Baum" belegt haben, zum Beispiel jene des riesigen Baumes im berühmten Traum des Nebukadnezar (Dan. 4, 7-14) und dessen schicksalhafte Interpretation (Dan. 4, 17-24, Jung 1928, #0a4 484) oder die Bedeutung der "Weltesche" Yggdrasil in der altnordischen Mythologie (Jung 1945a, #0a4 442) oder die Bewandtnis um die arbor philosophica, den "philosophischen Baum" (Jung 1945b, #0a4 304 ff).

Die Wissenschaften versuchen bei der Erfassung von Welt, genau diese sogenannt "subjektiven" Faktoren beim Erkennen "auszuschalten", um so eine "objektive" Sicht zu gewinnen. Die fulminante Entwicklung von Anwendungen wissenschaftlicher Grundlagenforschung für die Praxis schien denn auch einen unwiderlegbaren Beweis für die Richtigkeit dieses "objektiven" Weltbildes zu liefern. Denn nur dank solchen wissenschaftlichen Methoden lassen sich Herzoperationen, Mondflüge und die Entschlüsselung von Gensequenzen erfolgreich realisieren. Betrachtet man aber nur schon die Wettervorhersagen, so ist deren Erfolg bzw. Richtigkeit schon stark eingeschränkt. Was wir bei der Darstellung der Chaostheorie hierüber berichtet haben, ist auch 40 Jahre später weiterhin gültig. Jeder Meteorologe weiss, dass er die aus vielen Messungen gewonnenen Daten interpretieren muss, dass er seine persönliche Erfahrung mitbenötigt, um etwa aus drei oft unterschiedlichen Computermodellen das für ihn wahrscheinlichste heranzuziehen, und auch dann bleibt stets ein nicht geringer Rest an Unsicherheit bei den Prognosen, insbesondere je lokaler die Ansprüche sind.

Wie wir inzwischen wissen, haben selbst die seit Newton über 300 Jahre für universal gehaltenen "Naturgesetze" ihre "Allgemeingültigkeit" verloren. Die Thermodynamik brachte den Wegfall der zeitlichen Symmetrie auf der mikroskopischen Ebene, d.h. die Irreversibilität der Prozesse, und die Chaostheorie zeigt, dass die "Naturgesetze" nicht länger Gewissheiten darstellen, sondern Möglichkeiten. Statt eines geschlossenen, determinierten Weltbildes, dessen Zukunft und Vergangenheit als gleichwertig definiert waren, beschreiben die irreduziblen, probalistischen Gesetze derzeit ein "offenes" Universum, in dem in jedem Augenblick neue Möglichkeiten ins Spiel kommen. Nach Ilya Prigogine, Chemie-Nobelpreisträger von 1977, und der Wissenschaftstheoretikerin Isabelle Stengers muss zwingend auch der Einfluss des beobachtenden bzw. Fragen an die "Natur" stellenden Menschen berücksichtigt werden, nämlich die "Wechselwirkung zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten" (Prigogine/Stengers (1993, S. 312).

Für die Ebene des Erkennens schlechthin ist die Spaltung zwischen "subjektiv" und "objektiv" künstlich und bestimmt das Verhältnis zwischen Sein und Seiendem gerade nicht. Wir haben eingangs das dialektische Urverhältnis der gegenseitigen Bedingtheit aufgezeigt. Von dieser ontologischen Grundlage her ist es völlig obsolet, eine "objektiv" erkennbare Welt zu postulieren. Wenn wir von "Welt" reden, von den in ihr vorfindbaren Dingen, Mächten, Verhältnissen, so meinen wir zwar, von uns, den Redenden, abzusehen. Wir zählen uns zwar zu dieser "Welt". Aber die Analyse des menschlichen Seins hat ergeben, dass so etwas wie "Welt" als Seiendes immer bezogen ist auf ein ihrer bewusstes Wesen, das "Welt" "haben" kann. Ein Stein "hat" keine Welt; er wird durch uns in der "Welt" "vorgefunden". Zum Sein von "Welt" gehört, dass ein Wesen da ist, das "Welt hat". "Welt" "ist" somit als dieses Gefüge von menschlichem Sein, das die Welt als Seiendes erkennend vollzieht. Menschliches Sein ist nicht einfach in der Welt "enthalten"; es lebt wirkend in ihr, geht tätig und zugleich verstehend in ihr auf. Umgekehrt ist aber "Welt" immer auf das Wesen hingeordnet, das so "in der Welt" ist. Alles in der Welt Vorfindbare und innerweltlich Seiende ist deshalb bestimmt und begründet durch seine Bezogenheit auf das in der Welt seiende und zugleich welthabende Wesen, nämlich das menschliche Sein. Als was es vorgefunden und da ist, ist es kraft der möglichen Bedeutsamkeit, die es von diesem Wesen her und auf dieses Wesen hin besitzt. Diese Welt und alles in ihr vorfindbar Daseiende ist selber bedeutungsmässig erst vom menschlichen Sein her bestimmt, dessen Welt und Gegebenheit es ist. Wir sind hier wieder zum unhinterfragbaren dialektischen Verhältnis von Sein und Seiendem zurückgelangt.

Auch Jung hat, trotz älterem philosophischem Standpunkt, die unzerlegbare Verknüpfung der "Welt" bzw. des Habens von Welt mit dem menschlichen Erkennen klar gesehen. Als er im Jahr 1925 in der weiten Savanne Kenias auf einem Hügel sass und auf der Ebene bis zum Horizont riesige Herden von Antilopen, Zebras usw. sah, hatte er ein merkwürdiges Erlebnis, von dem er Folgendes berichtet: "Es war die Stille des ewigen Anfangs, die Welt, wie sie immer schon gewesen, im Zustand des Nichtseins; denn bis vor kurzem war niemand vorhanden, der wusste, dass es jetzt 'diese Welt' war ... Da war ich nun der erste Mensch, der erkannte, dass dies die Welt war und sie durch sein Wissen in diesem Augenblick erst wirklich erschaffen hatte. Hier wurde mir die kosmische Bedeutung des Bewusstseins überwältigend klar ... Der Mensch, ich, gab der Welt in unsichtbarem Schöpferakt erst die Vollendung, das objektive Sein. Man hat diesen Akt dem Schöpfer allein zugeschrieben und nicht bedacht, dass wir damit Leben und Sein als eine auskalkulierte Maschine ansehen, die sinnlos, mitsamt der menschlichen Psyche, nach vorbekannten und -bestimmten Regeln weiterläuft ... Jetzt wusste ich ...: der Mensch ist unerlässlich zur Vollendung der Schöpfung, ja er ist der zweite Weltschöpfer selber, welcher der Welt erst das objektive Sein gibt, ohne das sie ungehört, ungesehen, lautlos fressend, gebärend, sterbend ... in der tiefsten Nacht des Nichtseins zu einem unbestimmten Ende hin ablaufen würde. Menschliches Bewusstsein erst hat objektives Sein und den Sinn geschaffen, und dadurch hat der Mensch seine im grossen Seinsprozess unerlässliche Stellung gefunden" (Jaffé 1962, S. 259 f). Mit andern Worten: Das Universum, die Erde und viele Lebewesen sind zwar lange vor dem Erscheinen des Menschen "gewesen", aber das war niemandem bewusst, zumindest nicht in der menschlichen Bewusstseinsart. In diesem Zitat wird nun vollends evident, dass Jung erkenntnistheoretisch die Welt als vom Bewusstsein "erschaffen" sieht, sie also konstruktivistisch auffasst, obwohl er paradoxerweise noch von "objektivem" Sein spricht.

Kehren wir zurück zur Gerichtetheit des Lebens. Diese Erfahrungstatsache lässt vermuten, dass auch die seelische Entwicklung analog verläuft. Sie scheint denn auch daraufhin angelegt, dass der Mensch sich seinen Möglichkeiten entsprechend entfalte und zu dem werden kann, wofür er das Potential hat. Dass dies gar seine aus seinem Wesen geforderte Aufgabe ist, die er allerdings auch unerfüllt lassen kann, werden wir später darlegen.

Diese gerichtete Einbettung des Lebensvollzuges - man könnte sie auch die archetypische Bedingtheit nennen - ist gekennzeichnet durch Aufbau, Reife, Zerfall und Tod. Das Leben ist endlich, bedingt, fragil und beschränkt. Vielleicht strebt es nach Entfaltung und Vervollkommnung, um wenigstens innerhalb dieser Begrenzungen ein Optimum zu erlangen. Für ein Streben nach Vervollkommnung scheint es zumindest für das Gebiet der Ethik unvermeidlich, Abstriche zu machen, weil wegen der wesensmässigen Beschränktheit unseres Seins ein solches Ideal gar nicht erreicht werden kann. Die psychischen Manifestationen legen uns vielmehr nahe, eine Vervollständigung des Seins anzustreben: "Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, sondern der Vollständigkeit" (Jung 1944/52, #0a4 208).

Damit ist auch das erstaunliche Phänomen der Gegensätzlichkeit angedeutet, innerhalb der sich unser Sein zu entfalten und mit deren Spannungsfeld es sich - oft schmerzlich - auseinanderzusetzen hat. Polarität ist auch die Vorbedingung allen Erkennens (Spengler 1979, Anm. 6). Indem, wie bereits erwähnt, während der Entwicklung des Menschen durch das Bewusstwerden von Erfahrungen neue Verhaltensweisen und willentliche Entscheidung möglich werden, wird auch der enge Zusammenhang von Polarität und seelischer Entwicklung evident.

Dieser vorläufige, fragmentarische Exkurs in den Bereich dessen, was wir mit dem Begriff Individuation umschreiben, mag hier genügen, um anzudeuten, dass menschliches Sein wesensmässig daraufhin angelegt ist, sich aus seinen gegebenen und im Entwicklungsverlauf neu eröffnenden Möglichkeiten Schritt um Schritt auszuformen, zu äussern. Menschliches Sein vollzieht dies einerseits gleichsam autonom, aus eigenem schöpferischem Drang, anderseits heteronom, eben reaktiv auf Einwirkungen anderer Menschen, Tiere, Sachen. Aber auch dieses reaktive Verhalten ist nie bloss ein Bestimmtwerden von Fremdem. Es ist stets durchzogen von der je meinen Art und Weise des Lebensvollzuges, vom Selbstsein.

Die Expansivität des Menschen

Dieses archetypische Grundmuster des menschlichen Seins, das Faktum seines Angelegtseins auf eine Entwicklung hin, ist der Grund für das Streben nach Selbstverwirklichung, für den Drang nach Individuation. Das Movens, also das, was den Menschen dazu bewegt, sich zu entwickeln, im Selbstvollzug auf ein Ziel hin in Anspruch genommen zu sein, kennzeichnen wir nachfolgend mit dem Begriff der Expansivität des Lebens (Keller 1963).

Man könnte sich fragen, weshalb hier so viel Theorie und Begriffsklärung zur menschlichen Entwicklung ausgebreitet wird. Der Grund ist einfach und zwingend. Das griechische dewria bedeutet Schau, und unsere Schau oder Sicht der Zusammenhänge des Seins ist entscheidend dafür, ob wir die Phänomene adäquat erfassen können oder nicht. Inadäquate Theorien verbauen den Zugang zur Wirklichkeit und führen oft zu mehr oder weniger falschen Schlüssen. Unsere Sicht oder Theorie über das Wesen und die Verläufe des psychischen Seins nennen wir Menschenbild. Sie erschöpft sich nicht in einer akademischen Übung, sondern prägt auch unser Verständnis der Geschehnisse in der Alltagspraxis. Wenn wir als Psychotherapeuten seelische Störungen diagnostizieren und behandeln können sollen, dann hängt der Erfolg ganz wesentlich von diesem Verstehen ab. Man sieht dies am deutlichsten, wenn man sehr alte Theorien heranzieht und ihre Folgen betrachtet. Im Mittelalter wurden manche seelischen Auffälligkeiten, die wir heute mit psychotherapeutischen Theorien zu erfassen suchen, als Besessenheit durch Dämonen oder den Teufel erklärt. Diese theoretische Sicht führte zu "Therapie"praktiken, die wir heute als unangemessen betrachten, nämlich zu Dämonen- und Teufelsaustreibungen, im schlimmsten Fall zur Verbrennung der Betroffenen als Hexe oder Hexer. Gemäss damaliger Theorie sollte das reinigende Feuer die Seele von der Besessenheit befreien, wenn auch um den Preis des endlichen leiblichen Lebens, das ohnehin nur als Vorstufe zum wichtigeren ewigen Leben der Seele aufgefasst wurde. Heute ist offensichtlich, dass diese Sicht unangemessen ist und wegen einer schiefen Theorie unzählige Menschen leiden und sterben mussten.

Wenn von seelischen Störungen die Rede ist, so setzt dieser Begriff eine Anschauung von etwas voraus, das nicht gestört ist, also ein seelisches Leben, das glückt oder wenigstens sogenannt normal verläuft. Wir brauchen also eine Theorie, eine Sicht seelischer Lebensabläufe in ihrer gelingenden, optimalen Verlaufsstruktur, um davon die weniger gelingenden oder misslingenden Entwicklungen abzuheben. Mit therapeutischen Massnahmen soll die Störung behoben oder wenigstens gemildert werden. Das Leben soll wieder besser gelingen, und die mit der Störung verbundenen Leiden sollen verschwinden und einem Wohlbefinden Platz machen. Die Theorie vermittelt uns somit auch ein Ziel, das mit der Therapie angestrebt werden soll. Darüber hinaus beeinflusst die Theorie, wenn sie sich als eine Art Weltanschauung bei vielen Menschen verbreitet, auch die allgemeinen Auffassungen vom Sinn und Zweck des menschlichen Lebens und kann Entscheidungen der Menschen in gewissen Situationen bestimmen.

Bei der Abhebung der gestörten von den gelingenden Verläufen werden wir nach Kriterien fragen müssen, die es uns erlauben, einen bestimmten Vollzug als individuationsfördernd, bzw. selbsthaft, oder aber als individuationswidrig, nicht selbsthaft, zu erkennen. Ein Beispiel: Das sogenannte schlechte Gewissen zeigt einem Menschen oft deutlich an, dass er falsch gehandelt hat. Dabei ist zu unterscheiden: Wenn es sich um die Verletzung eines anerzogenen Kollektivgebotes handelt, so nennen wir die Gewissensreaktion eine heteronome, weil sie von aussen bestimmt wird. Wird hingegen das individuelle Wesensgesetz verletzt, so nennen wir dies das autonome Gewissen. Seine Reaktion kann als negatives Kriterium für die Selbsthaftigkeit eines Seinsvollzuges gesehen werden. Anderseits mag ein Gefühl der Befriedigung oder etwa auch ein Traum mit entsprechenden Gefühlserlebnissen einen Menschen in einem bestimmten Verhalten bestärken, selbst dann, wenn andere dieses Verhalten ablehnen. Darin könnte ein positives Kriterium der Selbsthaftigkeit erblickt werden (Spengler 1964).

In dieser seinsdynamischen Sicht von Salutogenese könnte man ein mehr oder weniger gelingendes Sein als psychisch "gesund" bezeichnen. Anderseits könnte Krankheit als Versagen und Leiden gegenüber äusseren und inneren Beschränkungen und Forderungen gesehen werden. Ob es gelingt, ein ausgewogenes Verhältnis der Anpassung an die individuellen, persönlichen Seinsforderungen einerseits und an die gemeinschaftlichen Normen anderseits zu bewerkstelligen, kann darüber bestimmen, wie gesund oder wie gestört sich ein Mensch entwickelt (Jung 1924/45, #0a4 172). Wir zeichnen hier bewusst nur Grundstrukturen auf, obwohl das "Gelingen" einer Lebensführung individuell davon auch abweichen kann; man denke zum Beispiel an Märtyrer, deren Seinssinn möglicherweise von einem kollektiven Standpunkt aus ganz anders eingeschätzt werden kann als aus der persönlichen Sicht dieses Menschen; aber auch das ist nicht zwingend.

All das Gesagte gilt selbstverständlich nur für jene Störungen, die ihre Wurzeln in der Lebensführung haben. Daneben gibt es ganz andere Ursachen, etwa genetische (Beispiel Mongoloidie), epidemische (durch Viren u.ä. verursachte Erkrankungen) oder Unfälle, Katastrophen (z.B. Verstrahlung, Krieg), die meist überhaupt nicht oder nur teilweise von der eigenen Seinsverwirklichung beeinflusst sind. Von gewissen Krankheiten ist die Ätiologie überdies unsicher. Solche Lebensbeeinträchtigungen resultieren nicht aus persönlicher Schuld oder aus Versagen, sondern sind eher als "Verhängnis" zu sehen - daher verbietet sich jegliches "Moralisieren" gegenüber Patienten. Wie ein Mensch solches Geschehen in sein eigenes Sein "integriert", wie er damit umgeht, ist oft entscheidend für den Einfluss, den die Störung auf sein Leben zu nehmen vermag, insbesondere auf seine psychische Gesundheit oder Gestörtheit. Manchmal ist es möglich, einen Sinn im Leiden zu erkennen, was die Einstellung zum Geschehen entscheidend verändern kann, sowohl im Hinblick auf Anstrengungen zur besseren Seinsbewältigung wie auch für das Akzeptieren von Unvermeidlichem. ...

Zurück


Daimon Verlag

Email: info@daimon.ch